Corona-Perspektiven – Anne Mueller von der Haegen tastet

In der Reihe Corona-Perspektiven erzählen Kulturschaffende von ihren Sorgen und Hoffnungen. Heute: Kunsthistorikerin Anne Mueller v. d. Haegen.

Anne Mueller von der Haegen ist die Vorsitzende des alternativen Kunstvereins  Allgemeiner Konsumverein in Braunschweig.

Anne Mueller von der Haegen ist die Vorsitzende des alternativen Kunstvereins Allgemeiner Konsumverein in Braunschweig.

Foto: Privat

Den Bildern aus Bergamo folgen Schrecken, persönliche Vorsichtsmaßnahmen sowie sich steigerndes Informationsbedürfnis. Dann situative Fragen: Was bedeutet eine Pandemie unmittelbar und auf lange Sicht für einen Ort der Kunst, für die Begegnungen, für Planungen – für jeden Ort der Kunst, aber mehr noch für einen solch alternativen und, sagen wir: freiwilligen Kunstort wie den Allgemeinen Konsumverein? Wir eröffneten die geplante Ausstellung, gingen behutsam miteinander um, es war intensiv und gut. Es kam die abrupt verordnete Schließung ohne weitere Perspektiven.

Ein Rückzug mit Lektüre und Schreiben wäre doch jetzt schön. Es kamen Verordnungen, Anfragen, Statistiken, Sorgen – Beschäftigung und Arbeit ins Leere hinein. KünstlerInnen mögen sich ins Atelier zu kreativen Höhenflügen zurückziehen können – Pause von der fordernden Außenwelt. Aber als Teil der (intellektuellen) Angebotswelt ist es schwierig. Das Außen im Digitalen zu suchen kann nicht für alles und jede gelten, nur virtuelle Ausstellungen benebeln das Hirn, behindern im Überangebot die Urteilskraft.

Gratwanderung zwischen Distanz und Begegnung

Abrupt verordnete Öffnung. Die Kunst musste aber erst geschlossene Grenzen überwinden, HelferInnen aus den Rückzugsorten auftauchen. Wir sind auch noch nicht so bewandert, uns im Außenraum der trügerischen Beweglichkeit zurechtzufinden. Die Gratwanderung zwischen notwendiger physischer Distanz und Freude an Begegnungen ist nicht so einfach: Wir bauten Abstandshalter, und so entstand eine Performance zur Eröffnung unserer aktuellen Ausstellung über das Erwandern der Welt.

Wir planen die nächste und die übernächste Ausstellung. Wir hoffen auf die Möglichkeiten zwischen den Stühlen und wissen dennoch, dass neue Rituale, neue Gewohnheiten und dann auch neue Energiequellen jenseits des Alltags eine längere Entwicklung brauchen. Die Zeit rast und schneckt. Still alive.

Die aktuelle Ausstellung „Reisen als Zeichnen in der Zeit“ ist noch bis zum 30. August im Allgemeinen Konsumverein, Hinter Liebfrauen 2, zu sehen. Kuratiert von Esther Ernst, zeigt sie Arbeiten von Chris Hunter, Cristina Ohlmer, Jovana Popic, Matthias Beckmann und anderen, von Stills aus Beijing über Karten im Wind bis zu einer abgegossenen Landschaft. Geöffnet Do. 18-22, Sa./So. 14-18 Uhr.

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