Schwuler Opernführer aus Wolfenbüttel

Braunschweig.  Sven Limbeck von der Herzog-August-Bibliothek und Rainer Falk lassen im Opernführer „Casta Diva“ homosexuelle Subtexte gängiger Opern analysieren.

Christopher Maltman (rechts) als Don Giovanni mit Erwin Schrott als Leporello in Mozarts „Don Giovanni“ bei den Salzburger Festspielen 2008.

Christopher Maltman (rechts) als Don Giovanni mit Erwin Schrott als Leporello in Mozarts „Don Giovanni“ bei den Salzburger Festspielen 2008.

Foto: epa apa Techt / picture-alliance/ dpa

Der Einband aus rosa Samt ist noch eine Reminiszenz ans schwule Opernklischee: aus Zeiten, als man sich Homosexuelle nur so affektiert vorstellen konnte wie die Oper einst war. Das exzellente Vorwort der beiden Herausgeber Rainer Falk (Berlin) und Sven Limbeck (Wolfenbüttel) stellt dann aber klar, dass in ihrem ausdrücklich schwulen Opernführer „Casta Diva“ neben queerem Augenzwinkern doch ernsthafte Analyse betrieben werden soll.

Von wegen „Casta Diva“ – eine keusche Göttin, wie sie Norma in Bellinis Oper beschwört, ist die Opernkunst gerade nicht, sondern so sinnlich erregend wie Norma selbst in ihrem Konflikt zwischen Priesterdienst und Liebe zu einem Mann, der sie hintergeht. So schillernd und fantasieanregend wie jene Diven, die gerade in solchen Rollen glänzten wie die längst selbst kultisch verehrte Maria Callas.

Erotische Bühnenfotos

Und so hat der 700 Seiten starke Wälzer der beiden Literaturwissenschaftler neben den sachlichen Handlungserzählungen und Deutungen von 157 Opern immer auch eine erotische Note, namentlich in der Bildauswahl. Angesichts all der stattlichen nackten Männerbrüste (und mehr) muss man sich fragen, ob Opernhäuser inzwischen bei den Chippendales casten.

Theater ist so einerseits Traumwelt mit Traumkörpern. Andererseits offenbart die häufige (nicht nur männliche) (Teil)Nacktheit auf den Bühnen, dass Oper längst in der erotisierten Wirklichkeit gelandet ist. Die ihrerseits in der raffinierten Entkleidung nur eine andere Form der einstigen Verkleidung ist: Lebensshow, meist geprägt von Moden und Influencern, selten individualistisch durchbrochen, obwohl das Gegenteil behauptet wird.

Genderverwirrendes Spiel mit Verkleidungen

Verkleidung aber ist Theatersache. „Hinter dem Theatervorhang öffnet sich ein Raum, in dem die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft nicht gelten“, resümieren Limbeck und Falk. Die hohe Artifizialität der Oper bedeutet zugleich Freiheit, Entkommen, Trost. Die Barockoper liebt vor allem das genderverwirrende Kleiderspiel mit Hosen- und Kittelrollen und Frauenstimmen aus männlichen Körpern. Und viel Kulisse. Sie feiert den Zauber zweiter Wirklichkeit.

Die Romantik beklagt deren Unerreichbarkeit. Schön sagt es der Regisseur und Intendant der Berliner Komischen Oper Barrie Kosky in seinem kurzen Grußwort: Neben der Opulenz und Sinnlichkeit sei es die Melancholie der „Liebe, die so selten erfüllt wird“, die Oper zur schwulen Identifikation einlade.

Meistens sind es zwar heterosexuelle Paare, die sich nicht kriegen oder auseinandergetrieben werden wie Romeo und Julia, aber Schwule haben angesichts des „Minoritätenstresses“ als Außenseiter gelernt, die Masken der Homo- oder Heterosexualität zu tragen bzw. in Werken zu erkennen, so die Herausgeber.

Identifikation mit Außenseitern

Außenseiterfiguren wie Carmen, Salome und Lulu, Missbrauchte wie die Traviata oder Gilda, entsagend sich Opfernde wie Marquis von Posa in Schiller-Verdis „Don Carlo“, verboten Liebende wie Wagners Tristan und Isolde gehören daher zu ihrer Community, auch wenn Homosexualität im CSD-seligen Westeuropa heute akzeptierter sei, die frühere „Operntunte“ eher ironische Selbstinszenierung ist, die Homo-Ehe im Bürgertum angekommen. Schon in Osteuropa aber sind Schwulendemos noch immer eine Mutprobe.

Gibt es ein schwules Happyend? Auch zeitgenössische schwule Komponisten variieren wie Aribert Reimann alte Literatur oder wie Charles Wuorinen das tragische „Brokeback Mountain“. Richard Wagner lässt in den Geschwistern Siegmund und Sieglinde einmal das Verbotene als Naturkraft auch musikalisch jubilieren. Ansonsten ist die tonale Ambivalenz seiner chromatisch schimmernden Musik dauerhaftes Angebot für alle uneindeutigen, unterschwelligen Gefühle. In Figuren wie Tristans Freund Kurwenal, dem ihn liebenden Onkel Marke, Parsifals Rührung für Amfortas hat er psychologisch tief geleuchtet wie Freud, in diesem „Bühnenweihfestspiel“ scheinen die Gender erlöst.

Wagners Holländer liebt im Darkroom seines Schiffs

Da die Artikel zu den Komponisten im Opernführer auf 31 Autoren verteilt sind, ist die Güte verschieden. Gerade der Autor des Wagner-Kapitels erzählt die Handlungen zuweilen unglücklich (Rheingold) und bleibt an queerer Deutung manches schuldig. Mit dem Fliegenden Holländer, der lieber unter Matrosen im Darkroom seines Schiffes lebt, war er gut gestartet. Aber der Grundkonflikt des „Rings“ zwischen Gesetzes(Speer) und Natur(Liebe) ist nicht zu verstehen, wenn der Speer erst bei der „Götterdämmerung“ erklärt wird. Wagners Dirigentenfreund heißt Hans von Bülow.

Natürlich gibt es trotz 157 Titeln empfindliche Lücken. Bergs „Wozzeck“ ist zu essentiell in der Operngeschichte, als dass man ihn weglassen dürfte. Kein Schönberg, kein Hindemith, kein Messiaen? Smetana ohne „Verkaufte Braut“, Janacek ohne „Jenufa“, Verdi ohne „Nabucco“? Da fehlt doch manches aus dem Kernrepertoire.

Weil die Handlungserzählungen meist recht konventionell sind, liegt der Mehrwert schon klar auf einem Gutteil selten gespielter Werke mit homosexuellem Autor oder Stoff. Und auf den Deutungen, die sehr erhellend und anregend schwule Subtexte des bekannten Kanons aufzeigen. Der Opernkenner kann sich gleich auf diese werfen und dabei viel lernen und entdecken.

Rainer Falk, Sven Limbeck: „Casta Diva. Der schwule Opernführer“. Quer-Verlag, 700 Seiten, 50 Euro.

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