Das Drama der Kinderlosigkeit – vom Mittelalter bis heute

Braunschweig.  Die Braunschweiger Mediävistin Regina Toepfer untersucht in ihrem neuen Buch, wie alte Denkmuster bis heute weiterwirken.

Ein kinderloser Herzog empfängt seinen Wunschsohn (1419).

Ein kinderloser Herzog empfängt seinen Wunschsohn (1419).

Foto: Stuttgart Württembergische Landesbibliothek

Der dynastische Druck, Nachkommen zu zeugen, war im Mittelalter eminent. Unter bestimmten Umständen war aber auch Kinderlosigkeit hoch angesehen. Wie mittelalterliche Denkmuster unsere Sicht auf erhoffte Elternschaft noch heute prägen und wo sie sich unterscheiden, untersucht die Braunschweiger Mediävistin Regina Toepfer in ihrem Buch „Kinderlosigkeit – Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter“. Florian Arnold sprach mit ihr.

Warum haben Sie das Thema Kinderlosigkeit aufgegriffen?

Es spielt in der öffentlichen Diskussion und im Leben vieler Menschen eine wichtige Rolle – zum einen die ungewollte Kinderlosigkeit im Kontext mit der Reproduktionsmedizin. Aber auch die gewollte Kinderlosigkeit wird oft problematisiert mit Blick auf die Geburtenentwicklung. Als Mediävistin, die sich für kulturhistorische Perspektiven interessiert, kam mir die Idee, ausgehend von der aktuellen Diskussion zu untersuchen, wie das Thema im Mittelalter behandelt wird, welche Kontinuitäten und welche Unterschiede es gibt. Ich bin in der mittelalterlichen Literatur überreichlich fündig geworden.

Sie schreiben, dass die mittelalterliche Sicht auf das Thema Kinderlosigkeit unser Denken noch heute beeinflusst – inwiefern?

Unser Blick ist heute auf die Reproduktionsmedizin gerichtet. Wenn ein Paar keine Kinder bekommt, heißt es, geht doch zu einem Kinderwunschzentrum und lasst euch helfen. Technologisch gibt es Fortschritte. Aber das grundsätzliche Vertrauen darauf, dass eine höhere Instanz uns helfen kann, ist ein Denkmuster aus dem Alten Testament. Die Kontinuität lässt sich erklären mit der langen Tradition von Erzählungen über Geburtswunder. Der Glaube, dass einem ein Kind geschenkt werden kann, wenn man sich nur recht darum bemüht und die richtigen Schritte vollzieht, ist uralt. Wenn man sich übrigens mal anschaut, wie oft reproduktionsmedizinische Verfahren glücken, ist die Rate gar nicht so hoch.

„Seit der Reformation gilt: Eheglück gleich Elternglück“

Im Mittelalter gab es die dynastische Pflicht, Nachkommen zu zeugen. Speist sich die Erwartung der Gesellschaft und des Staates an Paare, Kinder zu bekommen, noch aus dieser Wurzel?

Bei Hochadligen war die Erwartung, das Geschlecht zu erhalten, sehr hoch. Dazu gibt es auch die meisten Quellen, über die einfache Bevölkerung wissen wir wenig. Heute sind es ökonomische Gründe wie die Sicherung des Rentensystems, die einen gesellschaftlichen Druck erzeugen, Kinder zu bekommen. Aber die individuelle Motivation ist ja eine ganz andere. Da spielen Vorstellungen von Lebenssinn und persönlicher Erfüllung eine Rolle. Und die gehen zurück auf eine Umprägung von Argumentationsmustern im 16. Jahrhundert. Die Reformation setzte die Erfüllung in der Partnerschaft gleich mit dem Glück, Kinder zu bekommen. Eheglück wurde zum Elternglück.

Sie streichen heraus, dass der Auftrag zur Reproduktion der göttlichen Schöpfung gleich im ersten Buch der Bibel steht: Seid fruchtbar und mehret euch.

Im Alten Testament dominiert der Reproduktionsauftrag stark. Im Neuen Testament kommt das Keuschheitsideal hinzu, das Jesus auf gewisse Weise vorlebt, und das Paulus dann sehr herausstellt. In der Bibel und im Mittelalter gibt es beide Strömungen: Gott zu dienen, indem man Kinder bekommt, und christlich zu leben, indem man gerade keine bekommt und sich auf den Glauben konzentriert. Es ist akzeptiert und sogar angesehen, keine Kinder zu bekommen, wenn man sich für ein geistliches Leben entscheidet. Doch diese Option fällt im Protestantismus weg. Keuschheit wird als unmöglich, als Heuchelei angesehen. Damit bleibt nur der Auftrag, Kinder zu bekommen übrig, und er wird nun auch als Weg zum Heil gesehen.

„Wer fruchtbar ist, gilt als gesegnet“

Die Vorstellung, dass Kinder der eigentliche Sinn von Paarbeziehungen sind, halten Sie für problematisch?

Ich frage kritisch nach, wenn etwas als alternativlos dargestellt wird, ob es nicht doch andere Möglichkeiten gibt. Ein Anliegen meines Buches ist es, die Vielfalt von Lebensformen herauszustellen, mit und ohne Kind glücklich zu werden. Mich stimmt es immer skeptisch, wenn Pluralität ausgeschlossen wird. Natürlich hat die Vorstellung, dass Kinder ein großes Glück sind, etwas sehr Positives. Man muss sich nur immer fragen, was sie für diejenigen bedeutet, die diese Norm nicht erfüllen, und wie diese Norm entstanden ist. Eine ganz wichtige Wurzel ist das jüdisch-christliche Narrativ, dass Kinder ein Geschenk Gottes sind. Wer fruchtbar ist, gilt als gesegnet.

Der Druck, eigene Ambitionen zugunsten des Nachwuchses zurückzustellen, lastet noch immer vor allem auf Frauen. Im Mittelalter war das vermutlich genauso?

Die historischen Quellen machen deutlich, dass adlige Männer unter starkem Druck standen zu heiraten. Dem mussten sie nachgeben, wenn sie ihre soziale Position halten wollten. Nach der Heirat allerdings lastete die Gebärpflicht auf der Frau. Empfing sie keine Kinder, konnte das gravierende soziale Konsequenzen haben. Nach dem germanischen Recht war es dann problemlos möglich, sich zu trennen und eine scheinbar unfruchtbare Frau zu ihrer Familie zurückzuschicken. Im römisch-christlichen Eherecht hingegen gilt die Ehe als unauflösliches Sakrament.

„Männer mussten sich Impotenz-Prozessen unterziehen“

Sie legen dar, dass es im Mittelalter ausgefeilte Rechtsvorstellungen in diesen Fragen gab. Auch Männer mussten sich verantworten.

Laut dem kirchlichen Eherecht kann eine Ehe nicht geschieden werden. Aber sie kann für ungültig erklärt werden, wenn bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllt werden. Auch Frauen hatten die Möglichkeit zu klagen, obwohl sie sonst vor Gericht kaum Rechte hatten. Aber mit dem dringlichen Wunsch, Mutter zu werden, konnten sie eine Trennung durchsetzen. Es konnte zu Impotenzprozessen kommen. Es gibt Berichte von beschämenden Prozeduren, denen sich Männer unterziehen mussten, um ihre Potenz zu beweisen.

Andererseits schreiben Sie, dass gerade in der hohen Minne rein emotionale Liebesbeziehungen besungen werden, die wir heute romantisch nennen würden.

Tatsächlich erzählt die Literatur des hohen Mittelalters von ganz innigen Liebesbeziehungen, wie der von Tristan und Isolde oder Siegfried und Kriemhild. Parsifal geht aus einer Liebesehe von Herzeloyde und Gahmuret hervor. Tristan und Isolde sind Ehebrecher, trotzdem wird ihre Liebe gerechtfertigt. Im 12. und 13. Jahrhundert gibt es diese Faszination für Liebesgeschichten. Auffallend ist, dass Kinder keine Rolle spielen – oder erst nach dem Tod des Mannes, wenn die Frau ihre Liebe auf das Kind überträgt. Doch bis zur Reformation sind Kinder nicht relevant für das Liebesglück.

Regina Toepfer: „Kinderlosigkeit – Ersehnte, verweigerte und bereute Elternschaft im Mittelalter. Verlag J.B. Metzler, 510 Seiten, 29,99 Euro.

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