Kernig-melancholische Bilder vom Meer in Braunschweig

Braunschweig.  Neue Bilder von Hermann Buß ergänzen die Kunst-Sammlung in der Braunschweiger Jakobs-Kemenate.

Hermann Buß: „Reihe Steinfloß: Die Insel“.

Hermann Buß: „Reihe Steinfloß: Die Insel“.

Foto: Andreas Berger

Die Bilder von Hermann Buß kann man gut angucken. Sie strahlen Ruhe aus, verzichten auf klotzige Effekte, wirken unaufgeregt, ungeschönt, ehrlich. Der in Ostfriesland geborene und lebende Künstler malt so kernig-melancholisch wie das Plattdeutsche sich spricht. Seine Bilder sind alles andere als überladen, nicht verrätselt und völlig entschleunigt. Und doch tragen sie in ihrem farbgedämpften Realismus immer ein Geheimnis mit sich, am Ende das Geheimnis des Lebens selbst.

Denn irgendwo da zwischen den Dalben (Schiffsanlegepfosten) im Watt, den die Wasser teilenden Leitungen raus ins Meer, zwischen dem Strandgut und den kahlen eisernen Plattformen, wo die Menschen in der Schlange auf die Fähre warten, haben sie ihr Leben den Naturgewalten abgetrotzt. Ebbe und Flut bestimmen noch immer den Lebens- und Arbeitsrhythmus an der Küste. Das gibt ein Gefühl von Demut, das nicht erst seit Entdeckung des Klimawandels im Angesicht der Schöpfung allen gut anstünde.

Keine Friesenromantik

Buß’ Bilder vermitteln keine Friesenromantik, sondern sind surreal aufgeladen, das heißt ihre konkrete Anmutung weist auf eine symbolischere Aussage hin. Die Schlange stehenden Menschen auf der „Zwischenstation“ sind unterwegs, vielleicht kommen sie von der Schicht im Hafengebiet, vielleicht sind es Emigranten, in jedem Fall benötigen sie eine Fähre aus der einen in die andere Welt, und wohl ihnen, wenn es noch nicht der letzte Fährmann ist, der sie abholen will.

Die „Strandpromenade“ hat gar etwas von einer Theaterkulisse. Die Treppen zum Betrachter hin führen zu einem seitlichen Architektursockel, der aber unter Wasser steht. Die Menschen auf der Promenade haben sich vom Betrachter weg dem Meer zugewandt, über dem die Wolken tief liegen. Merkwürdig hat also das Meer die Grenze überschritten aufs Festland, während die Menschen zum Strand hinabgehen und womöglich diesen untergehenden Ort verlassen wollen. Ob Naturgewalt oder menschliche sie zwingt, bleibt offen.

Christus wartet beim Abendmahl allein

Auch ob die zusammengepferchten Leute auf dem geborstenen „Narrenschiff“ noch zu retten sind. Ob die Heimatlosen mit ihrem Gerümpel auf dem fast gefluteten „Steinfloß“ die rettende Insel mit dem Himmelslicht in der Baracke noch erreichen. Ob die Menschen die „Erwartung“ des allein am Tisch Sitzenden beim letzten Abendmahl erfüllen werden: Freundlich wendet er sich dem Hintergrund zu, wo einer noch den Weg zu suchen scheint. Nehmen wir an, der Wartende ist Christus. Menschlich gesehen: Sie brauchen einander. Da glimmt die psychologische Seite des Mythos auf. Bilder, die nachhallen. In der kleinen Kemenate hat man Zeit für sie.

Geöffnet Mo.- Sa. 11-17, So. 12-17 Uhr.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder