Das perfekte Wochenende – Feuer und Flamme für Flamenco

Braunschweig.  Alya Al Kanani brennt in Braunschweig und Sevilla für die Erneuerung des spanischen Tanzes.

Alya Al Kanani tanzt den Flamenco mit Leidenschaft und Kraft. Das Bild zeigt sie bei einem Auftritt in Wolfsburg

Alya Al Kanani tanzt den Flamenco mit Leidenschaft und Kraft. Das Bild zeigt sie bei einem Auftritt in Wolfsburg

Foto: Archiv

Mit der Blume im Haar, einem stark geschminkten Gesicht oder den bunten Kleidern kann Alya Al Kanani wenig anfangen. Das klassische Bild, das viele Menschen vom Flamenco haben, ist nicht das ihre. Dabei bestimmt diese traditionelle spanische Musik das Leben der Tänzerin seit vielen Jahren. Mit dem Film „Bluthochzeit“ aus dem Jahr 1981 hatte diese Leidenschaft für die Braunschweigerin mit irakischen Wurzeln, die zunächst eine klassische Ballett-Ausbildung genoss, begonnen. „Der Flamenco ist mehr als nur ein Tanz. Er ist eine Philosophie und besitzt eine kraftvolle Sprache“, schwärmt Alya Al Kanini.

Und gerade weil der Flamenco für sie nicht nur ein nebensächliches Hobby, sondern Lebensinhalt ist, setzt sich die Mittvierzigerin auch so intensiv und kritisch mit ihm auseinander – mit der Tradition, mit der Verbindung zum Stierkampf, mit dem Bild der Frau. Deshalb ist sie wahrscheinlich auch genau die Richtige, um in Sevilla, der Hauptstadt der spanischen Region Andalusien, wo der Flamenco seine Wurzeln hat, eine Ausstellung zu organisieren, die nicht nur die Tradition, sondern vor allem die Weiterentwicklung des Tanzes im Fokus hat.

Unsere Redaktion erreicht Al Kanani Anfang der Woche telefonisch. Die Braunschweigerin ist aufgeregt, etwas aufgekratzt und stolz über die Ehre, in Sevilla eine Ausstellung über Flamenco leiten zu dürfen. Noch bis zum 21. Februar wird sie jeden Tag im Museo Contemporáneo sein, Besucher durch die Ausstellungsräume führen, aber auch performen und tanzen. „Ich hatte einen Auftritt in Sevilla und habe dabei an einem Galeristen-Treffen teilgenommen, wo ich über meinen Blick auf den Flamenco gesprochen habe“, erzählt Al Kanani, wie es dazu kam, dass eine Braunschweigerin eine Ausstellung in Sevilla organisiert.

Viel Zeit und Herzblut hat sie anschließend in dieses Projekt gesteckt und ist nun voll Freude, dass sie acht aus ihrer Sicht herausragende Tänzerinnen und Tänzer dafür gewinnen konnte. Besonders gespannt ist sie auf einen Sarg als Ausstellungsstück. „Auf dem hat Israel Galvan 2008 bei seiner Premiere des Stückes ,El final de este estado de cosas Redux’ beim Flamenco- Festival Jerez getanzt hat. Das gilt bis heute als ein Skandal in Andalusien“, berichtet Al Kanani über das Wirken des Künstlers, der aufgrund seiner gewagten Choreographien als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Flamencotänzer gilt.

Die Figur Galvans zeigt bereits, worum es Al Kanani mit ihrer Ausstellung geht. Sie ist nicht nur auf Applaus auf, sondern will auch mit ihren Besuchern diskutieren. „Viele Vorstellungen vom Flamenco sind längst überholt. Nicht nur bei Touristen, sondern auch in Spanien selbst“, findet sie. Das würde sich vor allem an der Verbindung zum Stierkampf zeigen, der in Spanien immer mehr in der Kritik steht und den auch Al Kanani vehement ablehnt. „Genauso, wie es nicht zum Flamenco gehören muss, dass die Frau vom Mann einen Klaps auf den Hintern bekommt“, sagt sie. Al Kanani ist überzeugt: Nur wenn sich der Flamenco weiter wandelt, hat er auch eine Zukunft. „Der traditionelle Flamenco muss aufpassen, dass er nicht auf dem Friedhof landet“, warnt die Braunschweigerin. Deshalb ist es ihr Ziel, den Tanz aufzubrechen und zu erneuern.

Dass es dafür nicht nur Zustimmung gibt, ist ihr klar. Kritik von Besuchern gehört auch bei ihrer Ausstellung dazu. „Aber ich bin gewappnet“, gibt die Tänzerin zu verstehen. Sie geht den Konflikten nicht aus dem Weg und sieht ja auch gemeinsame Wurzeln mit den Traditionalisten. „Die Basis ist der 12-compás, der Rhythmus“, sagt sie. An den würde auch sie sich halten, ihn allerdings – wie auch die Künstler ihrer Ausstellung – nur neu interpretieren. „Ich habe mir meine eigenen Bewegungen erarbeiten, damit ich mich nicht nur in engen Schablonen bewege“, erklärt die Al Kanani. Gerade bei Flamenco-Veranstaltungen für Touristen würde man in Spanien viele Tänzerinnen und Tänzer sehen, die eine gute Technik besitzen würden, aber austauschbar seien. „Das sind gute Handwerker, aber keine Künstler“, meint sie und verfolgt einen anderen Anspruch.

So auch mit ihren Schülern in Braunschweig. Dort betreibt sie ein kleines Flamenco-Studio, ungefähr zehn Schüler hat sie im Moment. Viele kommen zunächst auch dorthin mit ganz anderen Vorstellungen vom Tanz, einige bleiben. Dabei vermittelt Al Kanani auch die Grundlagen. „Um den Flamenco zu verändern, muss man ja zunächst die Tradition kennen und können“, sagt sie. So hat sie ja auch mal selbst vor vielen Jahren angefangen und sich erst langsam bei Flamenco-Festivals in Madrid, Jerez oder in Sevilla ihren eigenen Stil erarbeitet.

Um diesen immer weiter zu entwickeln, braucht es auch viel Ausdauer und körperliche Fitness. „Bei mir ist es mit einer Stunde Tanz nicht getan, man muss man sich auch drei Stunden am Stück bewegen können“, erwartet sie auch von ihren Schülern viel. Doch sie geht als Beispiel voran. Ich trainiere jeden Tag mehrere Stunden, auch um bei einer Aufführung lange die Spannung zu halten oder die Arme auch mal zehn Minuten in die Luft strecken zu können“, erklärt Al Kanani. Sie müsse da manchmal auch hart gegen sich selbst sein, gibt sie lachend hinzu. Aber Flamenco ist Leidenschaft und dazu gehört manchmal eben auch Schmerz.

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