Herkunft von Braunschweiger Afrika-Sammlung wird untersucht

Braunschweig.  Der Kolonial-Offizier Kurt Strümpell übergab dem Städtischen Museum zahlreiche Objekte aus Kamerun. Nun wird erforscht, wie er sie erlangte.

Evelin Haase (links), Kuratorin der ethnologischen Sammlung, und Provenienz-Forscherin Isabella Bozsa vor einer Vitrine mit Stücken der Afrika-Sammlung Strümpell im Städtischen Museum Braunschweig.

Evelin Haase (links), Kuratorin der ethnologischen Sammlung, und Provenienz-Forscherin Isabella Bozsa vor einer Vitrine mit Stücken der Afrika-Sammlung Strümpell im Städtischen Museum Braunschweig.

Foto: Florian Kleinschmidt

Der Umgang mit völkerkundlichen Sammlungen aus Übersee ist an deutschen Museen ein großes Thema geworden, ausgelöst durch die Debatte um das künftige Berliner Humboldtforum und die Initiative von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zur Rückführung von Kulturgütern in die ehemaligen Kolonien.

In Niedersachsen startete 2018 das Forschungsprojekt PAESE („Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen“). Seit 2019 mit dabei: das Städtische Museum Braunschweig, das eine der größten Sammlungen im Norden beherbergt. Finanziert von der Volkswagen-Stiftung, untersucht die Ethnologin Isabella Bozsa die Kamerun-Sammlung von Kurt Strümpell, die in Braunschweig rund 700 Stücke umfasst.

Strümpell, 1872 in Schöningen geboren, gehörte von 1900 bis 1912 der deutschen Schutztruppe im heutigen Kamerun an und war dort auch an der Niederschlagung von Aufständen beteiligt. Mehrfach ließ er dem Städtischen Museum Objekte zukommen, die er in seinen Einsatzgebieten gesammelt hatte: Schmuck, Kleidung, rituelle Gegenstände, Waffen und Instrumente. „Meine Aufgabe ist es, herauszufinden, auf welchem Weg er an diese Objekte gekommen ist“, erläutert Isabella Bozsa.

Die Angelegenheit ist komplex. Denn diese Frage habe die damalige Braunschweiger Museumsleitung herzlich wenig interessiert, sagt Bozsa. „Ob die Objekte in freiem Handel oder durch Gewalt erlangt wurden, war schlicht irrelevant.“ Spät war das Deutsche Reich zur Kolonialmacht geworden, nun sollten die ethnologischen Sammlungen den „kolonialen Geist“ befördern, dass Interesse an außereuropäischen Besitzungen fördern, aber auch die Überlegenheit der europäischen Kultur untermauern. Aus der halben Welt ließen Soldaten, Siedler, Kaufleute und Abenteurer dem Museum Stücke zukommen.

Bei Schutztruppen-Angehörigen wie Strümpell liegt die Annahme gewaltsamer Aneignung nahe. Aber so einfach sei die Sache nicht, sagt Bozsa. Während Strümpell in den ersten Jahren im Grasland im Westen Kameruns militärische Einsätze leitete, übte er später im Norden des Landes vor allem Verwaltungstätigkeiten aus. Historischen Quellen zufolge soll er sich dort um Kontakt zur Bevölkerung bemüht und versucht haben, die Sprache der führenden Volksgruppe Fulbe zu erlernen.

Die lokale Bevölkerung habe die „Sammelwut“ der Europäer durchaus als Einnahmequelle erkannt, sagt Bosza. Einige Angaben im Museumsarchiv deuteten auf Marktankäufe hin, andere auf Schenkungen von lokalen Herrschern. „Allerdings waren die Machtverhältnisse asymmetrisch. Wenn Strümpell von ,Friedensverhandlungen’ schreibt, können damit auch erzwungene Tribute gemeint sein“, erläutert die 34-jährige Wissenschaftlerin.

Sie recherchiere dazu diverse historische Quellen wie etwa Angaben Strümpells zu den Objekten im Stadtarchiv, aber auch seine Korrespondenz und Unterlagen der deutschen Schutztruppe. Ein entscheidender Teil ihrer Arbeit soll aber auch die Recherche vor Ort und der Austausch mit Experten in Kamerun sein. Im Herbst waren bereits Wissenschaftler aus Kamerun und Namibia für eine Woche im Städtischen Museum zu Gast. Bald will Bozsa nun selbst nach Kamerun reisen. Herausfordernd wird dort allerdings nicht nur die historische Spurensuche. „Über ein halbes Jahrhundert Kolonisierung zieht heute noch politische Problemen nach sich. Im englischsprachigen Westen des Landes gibt es Abspaltungstendenzen. Ich werde kurzfristig schauen müssen, wie gefährlich es ist, dorthin zu reisen.“

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