Musikalisches Gedenken zur Braunschweiger Bombennacht im Dom

Braunschweig.  Dom und Staatstheater gaben Montag ein würdiges Memorialkonzert zum 75. Jahrestag der Bombennacht von Braunschweig mit viel atmosphärischer Musik.

Dom und Staatstheater gaben anlässlich des 75. Jahrestages der Bombennacht von Braunschweig ein Konzert zum Gedenken und Nachdenken (Archivbild).

Dom und Staatstheater gaben anlässlich des 75. Jahrestages der Bombennacht von Braunschweig ein Konzert zum Gedenken und Nachdenken (Archivbild).

Foto: ARCHIV / archiv

Am berührendsten gerät am Ende doch wieder Johann Sebastian Bach. Ein Streichquartett des Staatsorchesters spielt im nun völlig dunklen Dom den Contrapunctus XIX aus der „Kunst der Fuge“. Kunstvoll schlicht umspielen sich die Melodielinien, als könnte es ewig so weitergehen. Dann plötzlich Abbruch. Hier starb der Komponist. Der Tod greift zu, wann er will. Im Krieg erst recht. Im Dunkeln zeichneten sich die Fenster im Dom als helle Flächen ab, als stünde nur noch das Gemäuer wie kurz nach dem Krieg. Die vom eindringenden Licht der Stadt spärlich beleuchteten Gewölbe erinnerten daran, wie oft wohl schon auch an diesem Ort Menschen in Not sich mit ihren Ängsten in Gebete geflüchtet hatten.

Gebete gab es nicht in diesem Memorialkonzert vor Mitternacht, das Dom und Staatstheater am 75. Jahrestag der vernichtenden Bombenabwürfe über Braunschweig am 14. Oktober 1944 veranstalteten. Keine Gebete, keinen Psalm, als müsse Gott schweigen angesichts von Krieg und Zerstörung. Auch kein Wort der Einordnung, wie man es sich, ob sachlich oder literarisch, zwischen den Musikstücken schon erwartet hätte. Nur zum Ausklang ein wunderbares Shakespeare-Sonett über die Vergänglichkeit, auf Englisch und Deutsch gelesen von Schauspielerin Saskia Petzold und Dompredigerin Cornelia Götz. Dann Stille, nicht mal die Totenglocke. Die zahlreichen Menschen gehen etwas zögerlich auseinander. Applaus verbietet sich.

Konzert zur Bombennacht in Braunschweig: Die haptische Kraft komplexer Musik

Die Musikauswahl passte mehrheitlich hervorragend zu der Atmosphäre von Gedenken und innerer Reflexion. Nach dem allerdings etwas „Krieg der Sterne“-mäßig auftrumpfenden „Prelude for Peace“ des späten Krzysztof Penderecki zeigte sein Threnos „Für die Opfer von Hiroshima“ von 1960 mit den hochflirrenden Streicherklängen wie zerbrechendes Glas, Feuerknistern oder berstendes Metall die haptische Kraft auch komplexer Musik. Die Domakustik ließ hier manches auch etwas sphärischer verschwimmen und brach dem oft brutalen Klangschichten die ärgsten Spitzen. Aber selten intensiv können hier die monotonen Dauertöne im Raum stehen, verbreiten sich Klirren, Schläge und Vibrati, entwickelt sich Irisieren, das an die Gaswolke denken lässt.

Dias des Atompilzes, der Silhouette des zerbombten Braunschweig oder des fliehenden Napalm-Mädchens ergänzten während des gesamten Programms still die musikalischen Aussagen. Nur die bewegten Filmbilder zu György Ligetis „Atmosphères“ flackerten doch etwas störend, da konnte man sich eigentlich mit geschlossenen Augen viel besser dem Klangerlebnis hingeben. Domkantor Gerd-Peter Münden gestaltete auch dieses Werk mit dem Staatsorchester als lichtes Glimmern, das sich in langsamen Wellen im Kirchenraum ausbreitet und einen suggestiv erfasst. Seit der Verwendung in Kubricks „Odyssee im Weltraum“ liegen Assoziationen nahe zum Luftkrieg und besonders den leuchtenden „Tannenbäumen“ vor den Bombenabwürfen.

Es war ein würdiges Memorial

Gut war, dass auch die menschliche Stimme im Programm ertönte. Sopranistin Ivi Karnezi gab dem Shakespeare-Sonett in der eher schlichten Vertonung der Polin Elena Firsova füllige Stimme, gemischt mit dem Orgelklang (Heike Kieckhöfel) war der Wortlaut in der Domakustik freilich nicht zu verstehen. Das Lied über den Soldatentod aus Mussorgsyks „Liedern und Tänzen des Todes“ brachte mit Karnezis blühender Stimme über Schostakowitschs Orchesterbearbeitung auch mal harmonische Klänge ein, aber eben anspruchsvoll entwickelt. Während Andrew Lloyd Webbers „Pie Jesu“ auf einschmeichelndem Sound zwischen Musical und Puccini schillert. Schön ergänzten sich hier Karnezi und der Knabensopran von Domschüler Lars Müller. Pie Jesu – gütiger Jesus, ein weicher Lichtruf des Trostes für eine jenseitige Welt, wenn sich diese mal wieder selbst zerstört hat. Es war ein würdiges Memorial.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder