Braunschweigs Filmfest hat einen neuen Kopf

Braunschweig.  Nach fast 25 Jahren übergibt Edgar Merkel den Vorsitz des Filmfest-Vereins an Thorsten Rinke. Der muss gleich einen neuen Festivaldirektor finden.

Thorsten Rinke (rechts) hat den Vorsitz des Braunschweiger Filmfest-Vereins von Edgar Merkel übernommen.

Thorsten Rinke (rechts) hat den Vorsitz des Braunschweiger Filmfest-Vereins von Edgar Merkel übernommen.

Foto: Florian Arnold

Eigentlich wollte Edgar Merkel im Filmfestverein Braunschweig nur seiner Leidenschaft fürs Kino nachgehen: Festivals besuchen, Filme schauen und einige fürs Programm des Filmfests empfehlen. Doch schon kurz nach seinem Eintritt Anfang der 90er Jahre war er plötzlich Vorsitzender. „So etwas ist mir öfter passiert. Ich kann ganz gut organisieren und Konflikte moderieren. Und mit Filmen kannte ich mich auch aus“, sagt Merkel in seiner bedachten, leise ironischen Art.

Fast 25 Jahre hat der frühere Leiter des Braunschweiger Hoffmann-von-Fallersleben-Gymnasiums das aufwendige Ehrenamt bekleidet. „Für mich ist er das Gesicht des Filmfests“, meint Thorsten Rinke. Der 51-jährige Diplom-Ingenieur war zuletzt Merkels Stellvertreter. Einige Wochen vor der 33. Festival-Auflage Anfang November hat er nun selbst den Vorsitz übernommen. Merkel will in die zweite Reihe zurücktreten, dem Vorstand aber beratend zur Seite stehen. „Wir liegen auf einer Linie“, betont Rinke.

Festival ohne Leiter

Der Wechsel des Vorsitzenden fällt in eine knifflige Zeit. Das Festival geht in diesem Jahr ohne künstlerischen Leiter über die Bühne, nachdem der Vertrag mit Michael Aust im April nach fünf Jahren nicht verlängert worden war. In beiderseitigem Einvernehmen, wie Rinke und Merkel noch einmal betonen. Unter Aust habe sich das Festival programmatisch und vom Publikumszuspruch her gut entwickelt. Aber die Mehrfachbelastung des 54-Jährigen, der in seinem Wohnort Köln auch das Festival Soundtrack Cologne leitet und als Produzent tätig ist, habe sich mit seinen Aufgaben in Braunschweig nicht mehr vereinbaren lassen. „Das hatte auch arbeitsrechtliche Gründe“, sagt Merkel.

Klar ist also: Der ehrenamtliche Vorsitzende ist dieses Jahr noch stärker gefordert. Was sind eigentlich generell seine Aufgaben? „Er muss das Filmfest nach außen und gegenüber Sponsoren vertreten, sich um die Organisation und Arbeitsverträge kümmern, die Finanzen im Auge behalten und zwischen den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern moderieren“, erläutert Merkel. Acht bis zehn Stunden wöchentlich habe er in den vergangenen Jahren dafür investiert, in der „heißen Phase“ rund ums Festival noch deutlich mehr. Nun kommen noch die programmatischen und repräsentativen Aufgaben des künstlerischen Leiters dazu. „Aber das wird zu schaffen sein, weil Michael Aust diese Festivalausgabe bereits gut vorbereitet hatte und wir ein eingespieltes hauptamtliches Team haben“, sagt Rinke.

Weniger Bewerber als vor fünf Jahren

Aust werde während des Festivals auch zugegen sein. Und möglicherweise sei bis dahin auch bereits ein Nachfolger gefunden. „Das ist zumindest das Kampfziel“, so Merkel. Es gebe eine Reihe von Bewerbungen, wenn auch nicht so viele wie bei der letzten Ausschreibung vor fünf Jahren. „Wir sprechen allerdings auch selbst interessante Kandidaten aus der zweiten Reihe der großen Festivals an“, ergänzt Rinke.

Der 51-Jährige ist in Kassel aufgewachsen und seit seiner Jugend Filmfan. Nach dem Abitur liebäugelte er mit einem Film-Studium. „Allerdings hatte ich keine praktische Erfahrungen, und Ende der 80er Jahre gab es nur drei Filmhochschulen in Deutschland. Heute sind es rund ein Dutzend. Damals hat das dann nicht geklappt.“ Stattdessen studierte Rinke Maschinenbau und heuerte Anfang der 2000er Jahre in der Entwicklungsabteilung von VW in Wolfsburg an. Seine Freizeit widmete er mit seiner Frau weiter der Kinoleidenschaft. „Wir richten unseren Urlaub nach den Festivals aus, von Berlin und Cannes über Venedig bis Locarno“, erzählt Rinke. Auf diese Weise habe er schließlich auch Edgar Merkel kennengelernt, der ihn in den Verein holte.

Unter den zehn größten Festivals

Als Vorsitzender will Rinke die Verbandsarbeit intensivieren. Konkret bedeute das: „Es gibt rund 400 Filmfestivals in Deutschland. Braunschweig gehört zu den zehn größten. Bisher werden die Festivals öffentlich allerdings nur von den jeweiligen Bundesländern unterstützt, aber beispielsweise nicht von der zentralen Filmförderungsanstalt des Bundes. In Deutschland werden immer mehr Filme produziert, aber viele laufen nur noch auf Festivals und schaffen es nicht mehr in die Kinos. Diese wichtige Rolle der Festivals muss gewürdigt werden.“

Programmatisch hält Rinke das Wachstum des Braunschweiger Filmfests mit vielen neuen Reihen in den letzten Jahren für richtig. „Damit reagieren wir auf die Ausdifferenzierung des Publikums. Reihen wie ,Beyond’ oder ,Cinestrange’ mit kontroversen Filmen sind wichtig, um junge Zuschauer zu erreichen.“ Gut findet Rinke auch die Preis-Stiftungen aus Reihen des Vereins und des Publikums, wie der „Tilda“ für junge Filmemacherinnen. „Mikrosponsoring“ sei ein Zukunftsthema – „ergänzend zum starken Engagement unseres Hauptsponsors Volkswagen Financial Services“.

Und Edgar Merkel? Er könne nun endlich das machen, weshalb er vor gut 25 Jahren dem Verein eigentlich beigetreten sei, sagt der 65-Jährige lächelnd: Festivals besuchen, neue Filme schauen und einige davon fürs Filmfest empfehlen.

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