Anna Harutyunyan erhält einen Braunschweiger Sprachpreis

Braunschweig.  Die hiesige Sektion des Vereins deutsche Sprache würdigt das ausgezeichnete Deutsch der gebürtigen Armenierin.

Die Ärztin Anna Harutyunyan bekommt den Preis des Vereins Deutsche Sprache in Braunschweig.

Die Ärztin Anna Harutyunyan bekommt den Preis des Vereins Deutsche Sprache in Braunschweig.

Foto: Andreas Berger

Ihren Namen muss man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen, und wenn er in Armenien auch so häufig sei wie Müller, Meier oder Schulze in Deutschland, so hat er doch eine sehr konkrete Bedeutung, der wunderbar zu Anna Harutyunyans Beruf als Medizinerin passt: Harutyunyan heißt Auferstehung. Die heute in Braunschweig lebende Armenierin wurde zwar noch als Christin getauft, aber sie wuchs auf, als ihre Heimat zur UdSSR gehörte: „Im Alltag spielte Religion keine Rolle mehr“.

Um so mehr allerdings die Kultur. Und ihr ausgeprägtes musikalisches Gehör machte sie nicht nur der Musik Johann Sebastian Bachs geneigt, sondern auch der deutschen Sprache. Denn zu dessen Kantatenwerk fasste sie eine ganz besondere Zuneigung. „Das Zusammenspiel von Musik und dem Rhythmus der deutschen Sprache ist etwas Einzigartiges. Schon deswegen wollte ich unbedingt die Sprache lernen“, sagt sie in unserem Gespräch, in dem sie mit einem feinen, bescheiden leise gesprochenen Deutsch aufwartet.

Wenn sie es ausspricht, hat das Deutsche einen sehr melodischen, eher weichen, gar nicht so kantigen Klang wie so oft. Für ihre Liebe zur deutschen Sprache als Voraussetzung einer vorzüglichen Integration bekommt sie nun von der Braunschweiger Sektion des Vereins deutsche Sprache ihren Sprachpreis verliehen, den Braunschweiger Till. Sie ist nach dem Übersetzer Hubert Mania die zweite Preisträgerin.

„Wir wollen ja nicht immer nur am Denglisch rumnörgeln und Sprachpanscher kritisieren, sondern auch positive Zeichen setzen“, betont der Braunschweiger Regionalvorsitzende Professor Dietrich von der Oelsnitz: „Anna Harutyunyan zeigt, wie Integration über Sprache gelingt, und sie gibt mit ihrer Liebe zu den Schönheiten des Deutschen ein gutes Beispiel auch für uns.“

Nun hatte Anna Harutyunyan Glück, dass ihre Eltern sehr kulturinteressiert waren und diese Liebe an ihre Kinder weitergaben. „Sie haben uns immer mitgenommen in Kunstmuseen, und wir hatten viele Kunstbücher zu Hause, so dass ich die schönen Sammlungen Dresdens bereits auf dem Papier kennenlernte. Schon als Kind wurde mir so bewusst, wie schön diese große Welt der Kunst ist.“ Reisen waren dagegen kaum möglich, schon gar nicht ins westliche Ausland, obwohl fast alle Armenier Verwandte in den USA oder Westeuropa haben. „Aber man schrieb Briefe, hat mehr Bücher gelesen, das war auch sehr bereichernd.“

Innerhalb der Sowjetunion konnte man natürlich reisen. „Mein Vater promovierte in Moskau, wir haben ihn dort besucht, ich lernte schnell Russisch. Ich habe später Stefan Zweig erstmal auf Russisch gelesen, denn die armenischen Übersetzungen waren meist Zweitübersetzungen aus dem Russischen. Den Umweg konnte ich mir sparen.“ Zweigs Novellen haben ihr so gut gefallen, dass auch das sie motivierte, irgendwann mal das deutsche Original lesen zu können. Aber das Schlüsselerlebnis war Bach.

„Mit sieben ging ich auf die Musikschule in Eriwan. Ich fand Freunde, die sehr gut musizierten, und lernte die große Musikliteratur kennen, wenn wir zu Konzerten gingen. Besonders aber fühlte ich mich zu Johann Sebastian Bach hingezogen. Meine Eltern hatten früher auch Deutsch gelernt, weil sie technische Berufe ausübten, und da gab es offenbar noch viele Fachbegriffe auf Deutsch. Ich wollte die Kantaten Bachs direkt verstehen können.“

Parallel ergab es sich, dass sie zur Vervollkommnung ihrer medizinischen Ausbildung eine Hospitanz an der Uni Regensburg anstrebte. Und die gab es nur über ein Stipendium, und dazu musste sie Deutschkenntnisse nachweisen. Termin: in drei Monaten. „Meine Freundin, die Deutsch studiert hatte, war gerade aus Deutschland zurückgekehrt, wo sie als Lehrerin gearbeitet hatte. Ich fragte: Schaffen wir das? Sie sagte ja, also habe ich mich darangemacht“, erzählt Harutyunyan. Sie bekam das Stipendium, und das Deutsche hat sie seitdem immer mehr verbessert.

„Ich bin da ganz strategisch vorgegangen. Ich habe medizinische Bücher auf Deutsch gelesen, auch wenn es sie auf Russisch gab, sonst muss man später wieder umdenken. Und ich habe viel Zeitung gelesen, weil dort sachlicher und direkter formuliert wird als in der Literatur. Und man gewinnt aktuellen Gesprächsstoff, das übt auch gleich wieder. In der Literatur bin ich nicht so der Freund von langen Landschaftsbeschreibungen, also habe ich Novellen bevorzugt, da tut sich mehr.“ Dass sie nebenbei noch Autofahren lernte, weil das Krankenhaus in ihrer ersten Anstellung in Zittau zu weit von der Wohnung weg lag, und als Ärztin Vollzeit arbeitete, zeugt von Anna Harutyunyans Disziplin. Sie nennt ihren Antrieb eher Neugier. Sie möchte es eben wissen. Natürlich spricht die 48-Jährige jetzt im Alltag Deutsch, mit Bekannten auch Armenisch. Und als Anästhesistin im Städtischen Klinikum Braunschweig erlebt sie auch Patienten, die sehr froh sind, dass sie ihnen etwas auf Russisch erklären kann.

Dass Deutsch oft als schwierig empfunden wird, kann sie verstehen. Aber immerhin werde es doch ziemlich so ausgesprochen, wie man es schreibt. „Und die langen Wörter, die man im Deutschen bilden kann, sind ja eigentlich ganz leicht, wenn man sie langsam spricht und richtig aufteilt, denn dann ergibt sich aus den Einzelteilen sofort der Sinn“, findet Harutyunyan.

Musik ist für die Hobby-Pianistin weiter die große Leidenschaft. Sie besucht Konzerte, fährt zu den Bach- und Händel-Festspielen, hat aber durch ein Programm mit Wagners seidiger Lohengrin-Ouvertüre auch die Romantik lieben gelernt. In ihrem Auto jedenfalls befindet sich eine gut ausgelegte Stereoanlage für lange Fahrten zu Fortbildungen. „An der Ampel wummerte mal ein Junge mit Technobässen neben mir, da habe ich meinen Vivaldi richtig aufgedreht, und er hat ganz verblüfft geguckt.“

Die Verleihung des Sprachpreises ist öffentlich und findet am 7. September, 10 Uhr, im Bugenhagen-Zimmer der Brüdernkirche (1. Stock) statt. Die Laudatio hält Pfarrer Frank-Georg Gozdek, der die Brüdernkirche für armenische Gottesdienste geöffnet hat.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder