6500 Fans genießen Sommernachtstraum mit Bosse am Raffteich

Braunschweig.  Der 39-jährige Songschreiber kostet mit einem inspirierten, eher sanften Konzert seine vorerst letzte Live-Nacht aus.

Bosse während seines Konzerts beim Raffteich-Open-Air am Samstag auf der BraWo-Bühne im Raffteichbad in Braunschweig. 

Bosse während seines Konzerts beim Raffteich-Open-Air am Samstag auf der BraWo-Bühne im Raffteichbad in Braunschweig. 

Foto: Peter Michael / BestPixels.de

Er ist sicher nicht der größte Sohn der Stadt. Das ist schon rein körperlich, aber auch international: Dennis Schröder. Aber Bosse ist ziemlich weit nach oben geklettert, in der Pop-Nationalliga. Und er hält sich da. Samstagabend spielt er mal wieder daheim im ausverkauften Raffteichbad. 6500 Menschen sind gekommen, um ihn zu feiern.

„Alles ist jetzt“ heißt sein aktuelles Album. Das Video zum Titelsong hat er unter anderen mit Chefboss gedreht. Das knallige Hamburger Frauen-Duo eröffnet auch sein Heimspiel. Rapperin Alice Martin und die Tänzerin und Choreografin Maike Moher, DJ und zwei weitere Tanzsportlerinnen all inclusive. Austrainierte Körper in knappen Sportklamotten, die Co-Tänzerinnen maskiert. Heftige Beats und Moves, durchgeknallte Texte, eine grelle, dynamische Show. Ganz mutig, so einen Knaller vor dem eigenen Auftritt zu zünden.

Ruhige Töne bei Bosse

Bosse, 39, stimmt an diesem Abend, dem für ihn letzten der Saison, eher ruhigere Töne an. Er eröffnet mit zwei aktuellen Songs, dann spielt er „Du federst“, eine Nummer aus dem 2011er-Album „Wartesaal“. Eigentlich geht die nach vorn, und so legt die Band auch los, aber nach der zweiten Strophe bremst sie auf einen relaxten Reggae-Beat, und Bosse freut sich erstmal über die vielen Leute bis dahinten zum Dixie-Klo-Horizont. Er singt: „Und du denkst nicht an Tod und du denkst nicht an Kriege / Ey, was ist eine Million gegen zwei Lippen voll Liebe?“ Bei „Dein Hurra“, dem leidenschaftlichen Loblied auf eine taffe Freundin (oder einen Freund), die ihm „das Selbstmitleid zum Dessert“ weglacht, lässt Bosse sich vor allem von Cello und Trompete begleiten.

Bei „Tanz mit mir“ („zieh bitte diese Regenjacke aus“) baut er eine cool verjazzte Passage ein. Er nimmt sich Zeit, kostet sie aus, diese laue, „bumsvolle“ Open-Air-Nacht. Er lässt die Schlüsse von Songs, bei denen die vielen textsicheren Fans laut mitsingen, noch ein- oder zweimal wiederholen. Ist bei aller Munterkeit und Nettigkeit aber klar Maestro: „Ich will jetzt ein Basssolo. Nur Bass und Schlagzeug“, fordert er. Und bekommt es auch. „Alle Hände!“ - sieht er auch, wenn er sie sehen will.

Bosse setzt sich ein

Unter dem Dutzend erfolgreichen jüngeren deutschen Sängern gehört Bosse zu denen, die sich auch politisch äußern. Der Song „Robert de Niro“ setzt ein Statement gegen Pegidaland. Und Bosse wirbt eindringlich für „Viva con agua“, eine Initiative, die mit gesammelten Konzert-Pfandbechern Trinkwasserprojekte in Afrika unterstützt. Supersache. Aber am Rande: Diese Leuchtarmbänder von Raffteich-Sponsor Volksbank Brawo, die auch Bosse verzaubern - „sieht das schön aus!“ - sind am Ende Sondermüll. Smartphones können doch auch schön schimmern.

„Istanbul“, das Liebeslied an die Heimat seiner Frau, der deutsch-türkischen Schauspielerin Ayse Bosse, und „Ich warte auf dich“, eine Sehnsuchtsballade nach einer verkrachten Passion, bietet Bosse wieder ganz sanft mit Cello, Flügelhorn und Piano dar. Er spielt mit Musikern, die ihn größtenteils schon lange begleiten, insbesondere Bassist Theofilos Fotiadis, aber auch Chefgitarrist Thorsten Sala. Niklas Hardt am Cello und Martin Wenk an Trompete, Waldhorn und Akustikgitarre bringen schöne Farben ein. Sängerin und Co-Keyboarderin Valentine Romanski Charme und Zweitstimmen. Stefan Lenkeit kann Piano, Chris Heiny Schlagzeug.

Ruhiger Sommerabend mit Bosse

Bosse tigert pausenlos über die Bühne, immer in Bewegung, gerne mal plaudernd. Davon, wie er für die Tochter einer Freundin beim ersten großen Liebeskummer (den Hit) „So oder so“ geschrieben habe („So musst du nicht nur weinen / nur weil irgendein Idiot gegangen ist“). Und natürlich erzählt er von der Wegwarte in Lucklum, wo er „Schönste Zeit“ schrieb, seinen größten Erfolg.

Auch die Zugaben geht Bosse ruhig an. Die Leute genießen das, an diesem milden Spätsommerabend, einen bei allem Bühnengehoppel in sich ruhenden, gereiften Popsongpoeten zu erleben. Der sich genug Schnoddrigkeit und Eigenwilligkeit erlaubt, um kontinuierlich Songs mit Charakter zu schreiben, wie die hübsche Entschleunigungsnummer „Vier Leben“: „Und du rennst, du rennst / als hätten wir vier Leben / Doch wir haben nur eins / Als könnten wir vier Leben leben / als müssten wir überall sein.“ Nö, da macht Bosse nicht mehr mit. „Alles ist jetzt“, aber er geht`s ein bisschen ruhiger an.

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