Max Giesinger schmachtet und kaspert open air in Braunschweig

Braunschweig.  Der quirlige Kuschelpoprocker startet vor 4500 Fans das lange Konzertwochenende im Raffteichbad.

Max Giesinger beim Raffteich Open Air 2019 im Raffteichbad in Braunschweig.

Max Giesinger beim Raffteich Open Air 2019 im Raffteichbad in Braunschweig.

Foto: Rüdiger Knuth

Schon erstaunlich, wie schnell eine Band circa 300 Meter durch eine dichtgedrängte Menschenmenge zurücklegen kann. Eben produzierte sie noch ein üppiges, leicht melancholisch getöntes Klangschaumbad, während bunte Laserfinger den Himmel streichelten. Plötzlich wird es dunkel, nur ein einzelner starker Scheinwerfer strahlt ein Podest an, das vor dem Mischpult-Turm gegenüber der Bühne aufgebaut ist. Und schwupps, schon sitzt da der Giesinger Max an einem Klavier und stimmt eine Ballade an, „Leerer Raum“, die in ihrer unprätentiösen Schlichtheit und der sanften Cellobegleitung wegen tatsächlich und mehr zu Herzen geht als die glattgeschliffene Studioversion.

Der gekonnt gesetzte Text erfasst das Verlöschen einer Liebe im Moment des Aufgebens der gemeinsamen Wohnung. „Sag, wie kann es sein / dass nichts von uns bleibt / als dieser leere Raum?“ Und noch ein trauriger Seitenblick: „Drüben vor dem Café / wo wir jeden Morgen waren / stellen sie die Stühle raus / als wär‘s ein ganz normaler Tag“.

„Schöne Mädels in Braunschweig“

Während der 30-jährige Popstar in seinen Songs seine melancholische Seite auslebt, kehrt er live seine

komischen Qualitäten hervor. Er gönnt sich alsbald ein Bad in der Menge, das er gleichzeitig kommentiert: „Ich bin gar nicht gern so weit weg von den Leuten, allerdings seht ihr dahinten mich jetzt gar nicht mehr, oh der ist ja klein, stimmt, ich bin ein laufender Meter, schöne Mädels habt ihr in Braunschweig, schau, ihr habt ein Plakat für mich gemacht, soll ich das unterschreiben oder darf ich das haben?“.

Später plaudert er staunend, dass er gerade zum ersten Mal während eines Songs ein Insekt verschluckt habe, und verrät, dass er leidenschaftlicher Tretbootfahrer sei: „Da fallen mir die schönsten Melodien ein.“

Um die baut er kuschelweiche Popsongs, die oft eine sehnsüchtige Note haben. „Ich seh oben am Himmel Flugzeuge verschwinden / Stell dir vor wir säßen drin / egal, wohin.“ Er beglaubigt sie durch eine kräftige, angeraute, manchmal fast Lindenbergisch schnoddrige Stimme, mit Pathos, wo es sein muss. Das erste Drittel des Konzerts ist so gestrickt. Dann folgt der 20-minütige Akustikblock auf der Nebenbühne, und zurück auf der Mainstage veranstaltet Giesinger

ein Spiel: Zuschauerin Nadja darf Zettel ziehen mit Coversongs. Weil seine klasse Band behaupte, wirklich jeden bekannten Song sofort spielen zu können. Nadja zieht „The Look“ von Roxette, „Gangsta’s Paradise“ von Coolio und „Sonne“ von Rammstein. Bekommen sie natürlich ganz ordentlich hin.

Giesinger mischt Pathos mit Leichtigkeit

Vor vier Wochen in Giesingers Heimatstadt Karlsruhe haben sie Coolio und Rammstein allerdings auch schon gespielt. Kann Zufall sein. Ist jedenfalls unterhaltsam. Wie der melancholische Clown Giesinger und seine lobenswerte Band an diesem Abend überhaupt. Giesinger mischt Pathos mit Leichtigkeit. Das ist die Kunst des Pop. Auch wenn nicht viel davon hängenbleibt.

Samstagabend spielt Bosse im Raffteichbad, Sonntag Pur. Beide Konzerte sind mit 6500 Fans ausverkauft.

Max Giesinger Raffteichbad 2019
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