Braunschweig huldigt dem Gold des Bürgertums

Braunschweig.  Das Städtische Museum zeigt Luxusgegenstände aus Messing von Jugendstil bis Art déco. Einige sind von zeitloser Schönheit.

Ein Jugendstil-Kehrblech in Form einer griechischen Lyra, gefertigt um 1900, drückt das Streben des Bürgertums nach Repräsentation durch ästhetische Verfeinerung aus.

Ein Jugendstil-Kehrblech in Form einer griechischen Lyra, gefertigt um 1900, drückt das Streben des Bürgertums nach Repräsentation durch ästhetische Verfeinerung aus.

Foto: Florian Arnold

Ach, wie schön das schimmert. Ein elegantes, aber auch praktisches, gut formbares und am Ende noch bezahlbares Material. „Das Gold des Bürgertums“, pointiert Kurator Andreas Büttner.

Das Städtische Museum Braunschweig präsentiert ab Sonntag gut 120 Luxusgegenstände aus Messing aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Wortsinn glänzend nachzuvollziehen ist an der Ausstellung der Stilwandel vom blumig-verspielten Jugendstil zum klareren, kühl-edlen Art déco. Die Schau knüpft an die Formsammlung Walter Dexel des Hauses an, die Objekte allerdings stammen aus Beständen des Brass Collectors Club Germany, der am Aufbau eines Deutschen Messing-Museums arbeitet.

Um 1900 war Messing, eine Legierung aus Kupfer und Zink, das Material der Stunde: „Es besaß ein großes Potenzial hinsichtlich seiner industriellen Fertigung, war vielfältig einsetzbar und überaus strapazierfähig“, erläutert Kurator Büttner. Zugleich kam seine güldene Anmutung dem Wunsch nach einer gewissen Prachtentfaltung des arrivierten Bürgertums entgegen.

In der wilhelminischen Gründerzeit mit ihrem Rückgriff auf ein verklärtes deutsches Mittelalter waren Zinn und wuchtige Formen gefragt. Davon setzte sich um 1890 die schlanke, anmutige Verspieltheit des Jugendstils ab. Sein florales Dekor, seine Sinnlichkeit und seine Neigung zu Ornamenten und antiken Mustern spiegeln auch andere Tendenzen der Zeit: eine neue Begeisterung für Natur, Handwerkskunst und Verfeinerung als sanfte Absetzbewegung von Industrialisierung und der Vulgarität entfesselter Geschäftemacherei. Der Zug ins Ästhetizistische drückt den gehobenen Geschmack des Bürgertums aus.

Selbst ein Kehrblech ist dann nicht einfach ein simples Werkzeug, um Schmutz zu beseitigen, sondern eine goldschimmernde zierliche Gerätschaft, die die Form einer griechischen Lyra aufgreift. „Vermutlich diente es vor allem dazu, Krümel vom Esstisch zu fegen“, meint Büttner. Sektkübel, Vasen, Zigarren- und Federhalter oder Zeitschriftenständer waren repräsentative Luxusobjekte. Bemerkenswert: Teekannen der Firma WMF wurden 1909 bereits mit elektrischem Anschluss angeboten, Tischlampen ebenso.

Es gibt einige Jugendstil-Vasen, Leuchter und Stövchen, die in ihrer schlanken, hochaufschießenden, pflanzlichen Form auch heute noch gefallen. Anderes wie Bowleschüsseln oder Pokale wirkt überladen, insbesondere wenn Verzierungstechniken wie Hammerschlag-, Rillen- oder Blasendekors ins nahezu Barocke ausgreifen. Sie förderten Lichtbrechungen, die die schimmernde Pracht des Messings noch steigern sollten.

Mit Beginn der 2010er Jahre weicht der Jugendstil dann schon dem Art déco. Parallel zum Kubismus in der Kunst werden die Formen von Tischservices, Aschenbechern, Schmuckkästchen und Zuckerdosen klarer, symmetrischer, aufgeräumter. Die Ästhetik des Funktionalen beginnt sich durchzusetzen.

Anders als beim Bauhaus, das Design demokratisieren wollte, drücke sich in der kühlen Pracht des Art déco allerdings der Anspruch von Exklusivität aus, meint Museumsdirektor Peter Joch. Messing sei darum oft auch mit anderen, kostbareren Materialien kombiniert worden. Künstler wie Bruno Paul, Peter Behrens oder Wolfgang von Wersin schufen Entwürfe für prosperierende Firmen wie AEG, WMF oder Neue Münchner Kunst.

Auf der anderen Seite brachten diese Unternehmen zunehmend auch preiswertere, in großer Stückzahl gefertigte Waren auf den Markt, um breitere Käuferschichten zu erreichen.

Eröffnung am Sonntag, 25. August,

11 Uhr, mit Kuratorenführung. Zu sehen bis 24. November, Di-So 10-17 Uhr, Steintorwall 14.

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