Arger Klamauk in der Komödie

Braunschweig.  Bitte mehr Schlampigkeit: Theaterchef Florian Battermann inszenierte in Braunschweig das Stück „Nackte Tatsachen“ der Kanadierin Keryy Renard.

Zwei Paare in erotischer Maximal-Verwirrung (von links): Andreas Elsholz, Julia Klawonn, Jens Knospe und Janina Bossecker in Kerry Renards Komödie „Nackte Tatsachen“.

Zwei Paare in erotischer Maximal-Verwirrung (von links): Andreas Elsholz, Julia Klawonn, Jens Knospe und Janina Bossecker in Kerry Renards Komödie „Nackte Tatsachen“.

Foto: Peter Steffen / Komödie

Es gibt Theaterstücke, die sind so hirnrissig, dass man sie gar nicht rezensieren kann. Aber man kann sie loben. Doch. Doch! Wenn zum Beispiel zwei mittelalte Kumpel, die nackt im Bett liegen und dabei mit Handschellen aneinander gekettet sind, versuchen aufzustehen, und dem eine rutscht dabei das Kissen, das er sich vorhält, fast vom Gemächt, dann…

Freut sich das Weib im Publikum. Jedenfalls die fidele dreifache Ausfertigung des Weiblichen in der Reihe vor mir. Und das ist doch auch gut. Wirklich. Genau dafür ist die Komödie am Altstadtmarkt ja da!

Also alles richtig gemacht, Florian Battermann. Als Theaterchef auf’s richtige Pferd, sprich Stück, gesetzt: „Nackte Tatsachen“ von der Kanadierin Kerry Renard. Und als Regisseur diese Eingangssequenz mit zwei Schauspielern, welche die nötige Lust an der verklemmten Enthemmung mitbringen, so trefflich toffelig-tölpelig inszeniert, dass es eine Wonne ist. Jedenfalls, wie gesagt, für die drei (und mehr) Damen.

Und weiter. Klasse, wie dann die couragierte Schauspielerin Julia Klawonn als drallblonde Ehefrau hereinplatzt, sich spornstreichs brünstig über den Gatten zu werfen im Begriffe ist, jedoch, merkend, dass dort noch anderes Fleisch im Bette sich versteckt, ebenso flugs zur blitze-schleudernden Rachefurie wird. Die dann aber, welch wunderbare Wandlungsfähigkeit, kaum ist der geschmähte Gatte außer Haus, mit dem Kumpel sich sündig zu paaren anschickt.

Im Fortgang der Handlung entdeckt der gebildete Besucher Anleihen bei Goethe. Doch. Doch! Nämlich stellt sich heraus, dass der von der Drallblonden vertriebene Gatte seinerseits ein geheimes Verhältnis mit der Gattin des Kumpels hat, der ja gerade mit der Drallblonden…

Also: Saturierte Verhältnisse, ergrauter Ehealltag, da funkt’s überkreuz. Wahlverwandtschaften. Na bitte.

Doch leider gilt auch hier, was die Rock-Ärzte inbrünstig zwischen die Akte schmettern: Männer sind Schweine. Zwar, weil es ja ein Komödie ist, geht’s nicht ganz so katastrophal aus wie beim alten Geheimrat. Aber wie dann? Das wird natürlich nicht verraten. Bin mir übrigens nicht ganz sicher, ob es da nun ein Happy End gibt. Oder bleibt es eher irgendwie ambivalent?

Irgendwann sagt einer der Spieler, er sei es nun leid, sich dauernd dämliche Ausreden anhören zu müssen. Aber da verkennt er leider völlig die Substanz des Stückes. Es wimmelt darin von dämlichen Ausreden. Man kann sagen, dass es von dämlichen Ausreden überhaupt nur zusammengehalten wird. Ohne dämliche Ausreden gäbe es das Stück gar nicht. Das wäre ja nun doch schade.

Denn manche dämlichen Ausreden sind so dermaßen behämmert hirnrissig ultra-dämlich, dass sie schon wieder lustig sind. Dass zum Beispiel der eine Kumpel, der Zahnarzt ist, deshalb nackt im Bett liege, weil er sich die Backenzähne tätowieren lassen wolle. Als die drallblonde Furie das nicht glaubhaft findet, präzisieren beide nackten Kumpel in heller Panik, er wolle sich zwei Backenzähne auf die Pobacken tätowieren lassen. Oder auf die Brüste. Genau genommen: Je einen über jede Brustwarze. Einer ergänzt schlagfertig „Weisheitszähne“. Na, bitte, ganz schön bissig.

Battermann inszeniert die Chose mit Schwung und präzisem Timing. Sehr wandlungsfähig übrigens auch Janine Bossecker als zweite betrügend-betrogene Ehefrau: von der nervtötenden Heulsuse zum durchtriebenen Luder zur rigorosen Feministin.

Nur, dies sei als einziger Kritikpunkt gestattet: Die Erotik nimmt man ihr im Gegensatz zu Julia Klawonn nicht so recht ab. Vielleicht, weil sie sogar, wenn sie sich paarungswillig ins Bett drapiert, die Beine keusch übereinander schlägt. Da sei körpersprachlich eine gewisse Verschlampung angeraten. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit natürlich nur… Großer Beifall.

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