Wohlfühlen mit Mark Forster in Wolfenbüttel

Wolfenbüttel.  Der 35-jährige Sänger war der Top-Act beim NDR-2-Festival auf dem Ostfalia-Gelände in Wolfenbüttel.

Mark Forster bei seinem Auftritt auf dem Ostfalia-Gelände in Wolfenbüttel

Mark Forster bei seinem Auftritt auf dem Ostfalia-Gelände in Wolfenbüttel

Foto: koppelmann

So ein vermeintlich kostenloses Pop-Event eines zwangsfinanzierten Dudelfunk-Senders ist natürlich zunächst mal eine Dauer-Werbesendung in eigener Sache. Da werden dauernd Interviews auf die Video-Leinwände projiziert, in welchen glückliche Besucher strahlend beteuern, wie glücklich sie sind, bei dieser wunderbaren Veranstaltung dabei sein zu dürfen.

Dann sind da zwei aufgekratzte Moderatoren, die mit aggressiver Munterkeit eine Mischung aus Ferienclub-Animation und Kasperletheater betreiben. Zum Beispiel mit dem über die abendlich friedliche Festwiese gekreischten Satz: „Seid ihr jetzt alle da, Wolfenbüttel!!!?“

Wobei wieder mal die grammatikalisch angreifbare, zugleich freilich bei Pop-Events inzwischen inflationäre Marotte auffällt, eine Masse anonymer Menschen vor einer Bühne im Plural mit dem Singular des Veranstaltungsorts anzusprechen. Wie auch immer: Den NDR-Animateuren antwortet aus den Kehlen der 36.000 Besucher ein gellendes „Jaaaa!!!!“

Und wenn man dann beim hart erkämpften Bier so denkt: Nun ja, hm, jetzt ist vielleicht mal genug mit dieser penetranten Stimmungs-Beschwörung... Dann. Kommt. Mark Forster.

Der nette junge Mann aus der pfälzischen Provinz schreit auf das fröhliche Volk ein, als habe er nun – nach unendlichen Wüsten, Einöden, Irrwegen – an diesem Abend im August endlich die Liebe seines Lebens gefunden. Weil der Name Wolfenbüttel ihm zu lang sei, erklärt Forster, bitte er um die Erlaubnis, die Fans „Wolfi“ nennen zu dürfen – wie einen guten alten Kumpel. Die Erlaubnis wird ihm natürlich erteilt. Wenn er nun ins Publikum rufe: „Wolfi, geht’s euch guuu-huut?“, so erwünsche er die Antwort: „Jaaa-haa!!!“ (beide Silben jeweils um mindestens eine Oktave versetzt).

stars@ndr2 in Wolfebüttel

Da dies einvernehmlich geklärt ist, ergeht noch folgende Anweisung: Jedesmal, wenn „Wolfi“ Liebe und Zuneigung spüre, möge es (mögen sie) doch bitte die Arme emporrecken und die Hände öffnen und schließen. Merkwürdige Gymnastik.

Da denkt man sich angesichts des zur Neige gehenden Bieres: Warum streben diese Jungs heutzutage immer so heftig diese Art von Feelgood-Diktatur an? Denn eigentlich hat er doch so viel ekstatisch eingeforderte Sympathie-Bekundungen gar nicht nötig!

Gut, viel ist gesagt und geschrieben worden über jene Riege junger deutscher Pop-Sänger mit überschaubaren Stimmen und mehr oder minder austauschbaren Texten, zu der sicher auch Mark Forster gehört. Aber der 35-Jährige liefert an diesem Abend in Wolfi eine ziemlich gute Bühnenshow ab.

Das fällt besonders auf, wenn man ihn mit dem britischen Superstar Ed Sheeran vergleicht, der eine Woche zuvor in Hannover mit dem Equipment und dem Aktionsradius eines Straßensängers 135.000 Fans begeistert hat.

Das fängt schon damit an, dass Forster eine druckvoll und zugleich höchst differenziert musizierende Band am Start hat. Mit einem virtuosen Keyboarder, zwei mal wuchtigen, mal filigranen Gitarren, einem präzise funkelnden Bläser-Trio und einer treibenden Rhythmusgruppe. So gelingt ihm von seinem treu-herzigen Eröffnungssong „Flash mich“ bis hin zum euphorischen Zugaben-Mutmacher „Chöre“ immer wieder packende Steigerungen vom Gefühligen oder Balladesken ins Rockige.

Dass ihm dabei seine Ansagen ­ vom Fahrradfahren in der Jugend über den misslungenen Gag, einen Gaststar herbeizutelefonieren, bis hin zur Ansage, er könne nicht in der Öffentlichkeit Klavier spielen, etwas unbekümmert ungelenk gerieten, ließen ihn durchaus sympathisch geerdet erscheinen. Letzteres erweist sich übrigens eher als kokett: Zumindest begleitete er sich in dem schlicht-schönen Lied für seinen Vater durchaus solide.

Überhaupt, die Texte: Er wird damit wohl nicht in die engere Wahl zum Nobelpreis kommen. Aber er will nie zuviel. Forsters Lieder wirken nicht hochstaplerisch, er bleibt schlicht, aber damit eben zumindest als redlicher Musikhandwerker glaubhaft. Als am Ende zu seinem Hit „Bauch und Kopf“ ein Feuerwerk über der Bühne in den tintenblauen Himmel schießt, geht es sogar dem naturgemäß griesgrämigen Reporter ganz guu-huut.

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