Ein Wolfenbütteler gibt einen schwulen Opernführer heraus

Wolfenbüttel.  Dr. Sven Limbeck erklärt, warum Homosexuelle Opern lieben. Er lädt dazu ein, das Repertoire „durch die schwule Brille zu betrachten“.

Die an Liebe und Schwindsucht sterbende Violetta aus Verdis „La Traviata“, hier Liana Aleksanyan mit Matthias Stier in der Burgplatz-Inszenierung 2013, ist eine Identifikationsfigur für schwule Opernfans.

Die an Liebe und Schwindsucht sterbende Violetta aus Verdis „La Traviata“, hier Liana Aleksanyan mit Matthias Stier in der Burgplatz-Inszenierung 2013, ist eine Identifikationsfigur für schwule Opernfans.

Foto: Volker Beinhorn / Archiv

„Schauen Sie sich doch mal um in Opernhäusern!“, sagt Dr. Sven Limbeck mit hochgezogenen Augenbrauen. „Der Anteil an Homosexuellen ist überdurchschnittlich hoch.“ Dennoch gebe es unter der reichlichen Menge an Opernführern seines Wissens keinen einzigen, der sich gezielt an ein schwules Publikum richte.

Das soll sich ändern. Limbeck, hauptberuflich Handschriften-Experte an der Wolfenbütteler Herzog-August-Bibliothek, will den wohl weltweit ersten schwulen Opernführer herausgeben, gemeinsam mit dem befreundeten Potsdamer Literaturwissenschaftler Rainer Falk. Im Herbst soll „Casta Diva“ erscheinen, im Berliner Querverlag. Kein schmales Taschenbuch, sondern ein opulent gestalteter Band. Die Finanzierung sei bereits gesichert. Bei einer Crowdfunding-Kampagne im Internet seien gut 16.000 Euro zusammengekommen, sogar mehr als erhofft, frohlockt Limbeck.

Viele Opern erzählen von Liebe, die an gesellschaftlichen Konventionen scheitert

Was ist es, dass die Oper und ihre Überfrauen, die großen Operndiven, für schwule Männer so anziehend macht? Limbeck streicht sich über den Vollbart. Da gebe es mehrere Aspekte, aber ganz im Grunde sei es wohl die Verbundenheit im Leiden, meint der 50-jährige Philologe.

Da ist etwa Bellinis gallische Priesterin „Norma“, deren heimliche Beziehung zu einem römischen Konsul tödlich endet (ihre berühmte Arie „Casta Diva“ ­– keusche Göttin ­– greift ja auch der Opernführer-Titel auf). Oder die Kurtisane Violetta aus Verdis „La Traviata“, die ihren bürgerlichen Geliebten Alfredo nicht ehelichen darf.

Diese Erfahrung, von der Gesellschaft zurückgestoßen zu werden, teilten schwule Menschen mit den tragischen Heldinnen, meint Limbeck. Er gehöre zwar einer Generation von Homosexuellen an, die unverblümte Ablehnung nur noch selten erfahre. „Aber es sind doch viele kleine Verletzungen, die sich einer Biografie einprägen. Und auf der Opernbühne erleben wir, wie Leiden in Schönheit verwandelt und aufgehoben wird.“

Gerade mit der an Schwindsucht und Liebe sterbenden Violetta hätten sich in den 80er Jahren, als das Aids-Virus grassierte, viele schwule Männer identifizieren können. Die Faszination großer Operndiven beruhe nun auf ihrem Vermögen, ihre Hingabe durch die Stimme direkt auf den Zuhörer zu übertragen.

Oper, meint Limbeck, sei einerseits eine artifizielle Gegenwelt großer Gefühle und damit reizvoll für Menschen jenseits der gesellschaftlichen Norm. Und zugleich sei sie eine zutiefst bürgerliche Kunstform und komme so der Sehnsucht vieler Schwuler entgegen, ganz einfach dazugehören zu wollen.

„Casta Diva“ sei ein Angebot, das Repertoire einmal gezielt durch die „schwule Brille“ zu betrachten. 30 Autoren haben Limbeck und sein Mitherausgeber Rainer Falk gewonnen, und sie haben auch selbst Artikel zu rund 100 Komponisten und mehr als 150 Werken verfasst. Einige konnten wir bereits einsehen. Sie lesen sich kenntnisreich, aber flüssig und oft auch amüsant.

Natürlich widmet sich „Casta Diva“ schwulen Komponisten wie Tschaikowsky oder Britten. Aber auch heterosexuelle Kollegen wie Donizetti, Wagner und Verdi werden auf homoerotische Bezüge hin beleuchtet.

Der junge Mozart hatte sich in einen englischen Violinisten verguckt

Im Artikel über Mozart etwa erfahren wir, dass die erste große Verliebtheit des 14-Jährigen einem gleichaltrigen Violinisten aus England galt, den er auf einer Italienreise kennenlernte. „Seine Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit; die beiden jungen Männer herzen und umarmen sich unentwegt. Zum Abschied erhält Wolfgang von Thomas ein Gedicht, das einer Liebeserklärung gleichkommt“, schreibt der Autor Axel Krämer. Mozarts Vater habe die Freundschaft unterbunden.

In seiner Analyse von Mozarts „Cosi fan tutte“ beleuchtet Limbeck etwa das enge Verhältnis von Ferrando und Guglielmo, während sie gegenseitig ihre Frauen verführen. „Das homosexuelle Unbewusste ist die Kehrseite der Zwangsheterosexualität“, lautet einer seiner Schlüsse. Wie gesagt, vieles ist mit einem Augenzwinkern geschrieben. „Verbissen ist unser Projekt sicher nicht“, so Limbeck. Im Herbst soll „Casta Diva“ in ganzer Pracht vorliegen.

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