Warum Bob Dylan genial ist

Braunschweig.   Der Göttinger Literatur-Professor Heinrich Detering erklärt es. Am 6. Juli spielt der Nobelpreisträger in der VW-Halle. Noch gibt es Karten.

Samstag spielt Bob Dylan in der Volkswagen-Halle. Unser Foto zeigt ihn nach der Auszeichnung als Offizier der französischen Ehrenlegion in Paris 2013.

Samstag spielt Bob Dylan in der Volkswagen-Halle. Unser Foto zeigt ihn nach der Auszeichnung als Offizier der französischen Ehrenlegion in Paris 2013.

Foto: Didier Plowy/Mcc/FRENCH MINISTRY OF CULTURE/dpa

Ein der profundesten Dylan-Kenner in Deutschland ist der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering (59). Seine Biografie von 2007 und seine Analyse von Dylans Spätwerk „Die Stimmen aus der Unterwelt – Bob Dylans Mysterienspiele“ (2016) gelten als Standardwerke. Am Samstag tritt der 78-jährige Songpoet und Literaturnobelpreisträger in der Braunschweiger VW-Halle auf. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Detering, worin Dylans Genialität besteht.

Wann und wie sind Sie auf Bob Dylan aufmerksam geworden?

In der Schule. Ich war 15 Jahre alt, als wir einen englischen Assistent-Teacher bekamen, Alan Bolesworth. Ich war gut in Englisch und liebte Sprache und Literatur. Bolesworth drückte mir irgendwann drei Dylan-Platten in die Hand und gab mir „Writings and Drawings“ dazu, also die erste Ausgabe von Dylans Texten. Ich dachte erst, das müssen doch drei verschiedene Sänger sein. Schon nach kurzer Zeit wusste ich, dass diese Erfahrung lange nachwirken würde.

Welche Platten waren das?

„Highway 61 Revisited“ von 1965, „Nashville Skyline“ von 1969 und das gerade erschienene Album „Dylan“ mit eigentlich aussortierten Aufnahmen, mit denen sich Columbia Records für Dylans Wechsel zu einem anderen Label rächen wollte. Vielleicht bin ich der einzige Mensch, der diese Platte immer noch mag.

Was hat Sie fasziniert an diesen Alben?

Es ging etwas Faszinierendes aus von der Unterschiedlichkeit dieses Country-Tenors von „Nashville Skyline“, dieses punkhaften Rockers von „Highway 61“ und des verschnupften Balladensängers von der dritten Platte. Von der folksonghaften Einfachheit seiner Titel einerseits und der filmischen Qualität von Songs wie „Tombstone Blues“, in denen surreale Bilderwelten in atemberaubendem Tempo an einem vorbeirasen. Aber ganz im Grunde waren es wohl Dylans Stimmen, die mich am meisten gepackt haben, und seine Phrasierung.

War Dylan damals auch für Ihre Mitschüler eine Nummer?

Nein. Für die meisten anderen war er Mitte der 70er Jahre eher eine Größe aus der Vergangenheit. Diese Erfahrung ist für mein Leben mit Dylan bis heute prägend geblieben. Ich kann intuitiv Dylans Neigung verstehen, in der amerikanischen Musik zurückzuschauen und nicht nach vorne, nicht sehr an Fortschritt zu glauben und sich umso mehr für Traditionen zu interessieren.

Mitte der 70er Jahre hat Dylan noch einige starke Alben herausgebracht. Dann kam seine christlich-evangelikale Phase, die viele Fans verstört hat. Und in den 80er und 90er Jahren schien er wirklich ausgebrannt zu sein. Oder sehen Sie das anders?

1975 erschien „Blood on the Tracks“. Das Album kann ich so ziemlich auswendig, es ist eine der großen künstlerischen Erfahrungen meines Lebens geblieben. „Desire“ war kommerziell sehr erfolgreich, aber ich mochte es nicht besonders. Dann kamen das noch immer unterschätzte „Street Legal“ und die drei christlichen Alben, die mich musikalisch wirklich begeistert haben. Ich habe nicht verstanden, warum sie so abgelehnt wurden. „Slow Train Coming“ mit der coolen, kristallenen Gitarre des damals noch recht unbekannten Mark Knopfler. „Saved“ mit seiner Gospel-Intensität, seinem Glaubensfuror. Alle hassten es, ich mochte es und mag es noch immer, erst recht seit der Dokumentation „Trouble No More“ über Dylans Gospelzeit. Auch „Shot of Love“ mit seinem schönen Sixties-Sound mag ich.

Warum hat Dylan danach ein paar so schwache Alben veröffentlicht?

Das wüsste ich auch gerne. Er ist offensichtlich in eine existenzielle Krise geraten. Manche Platten wirkten wie lieblos zusammengewürfelte, uninspirierte Zufallsprodukte. Auf „Empire Burlesque“ hat er hilflos und fahrig versucht, auf den 80er-Pop-Zug aufzuspringen. Die beiden akustischen Soloalben, mit denen er die Folk-Geschichte wiederentdeckte, und „Oh Mercy“ waren dann die ersten Lichtblicke nach einer langen Zeit. Zwischendurch dachte ich, da kommt nichts mehr.

Eine zentrale These von Ihnen ist, dass der späte Dylan sich dadurch wiedergefunden habe, dass er gleichsam eine umgekehrte Bewegung vollzog. Als junger Mann habe er unheimlich viele Einflüsse aufgesogen, auf deren Basis er zum individuellen Songpoeten reifte. Im Spätwerk trete er nun wieder hinter diese Tradition zurück.

Das ist ganz gut zusammengefasst, nur dass Dylan weniger hinter die Traditionen zurücktritt als vielmehr versucht, sich mit allem, was er erfahren und gelernt hat, zu ihrem Mundstück zu machen. Walt Whitmans Losung „I contain multitudes“ (Ich bin viele) könnte in Dylans Personalausweis stehen. Seine persona enthält buchstäblich eine Vielheit von Stimmen. Im Spätwerk seit „Love and Theft“ wird das besonders deutlich, weshalb er manchen wie ein Dieb erscheint, der hemmungslos auf fremde Materialien zugreift. Aber der Songschreiber Dylan war immer schon eine wunderbar kreative Fressmaschine, die sich alles Mögliche einverleibt hat.

Inwiefern ist es poetisch ein Gewinn, wenn Dylan in den Songs seines Spätwerks ausgiebig Shakespeare, Ovid, Petrarca und Homer zitiert, anstatt eigene Sätze und Gedanken zu formulieren?

Seit der Antike ist es eine literarische Tradition, dass Poeten und Sänger in sich möglichst viel von dem zusammenfassen, was in ihrer Kultur lebendig ist. Wenn Homer in der „Ilias“ und der „Odyssee“ antike Sagen aus unterschiedlichsten Quellen verschmolzen hat, dann würde niemand sagen, er habe gestohlen. Und er selber hätte vermutlich gesagt, dies sei doch seine Aufgabe als Sänger seiner Kultur. Und diese uralte Tradition, die viel älter ist als die Vorstellung von individueller Kreativität, ist im 19. und frühen 20. Jahrhundert seit der amerikanischen Romantik neu konzipiert worden: als Ausdruck des Projekts Amerika. Eines Landes, das aus einer Vielzahl unterschiedlicher Stimmen und Kulturen besteht. Walt Whitman ist zu einer Art Nationaldichter geworden, weil er das zum Prinzip erhoben hat - eben: „I contain multitudes“.

Eine zweite Antwort lautet: Die Folktraditionen, mit denen Dylan aufgewachsen ist, Country, Blues, Gospel, Arbeiterlieder, Kinderreime und so fort, auch der Jazz – diese populäre Musik lebt immer schon auch ohne individuelle Verfasser. Der jeweilige Sänger nimmt, was er brauchen kann, und er hat die Freiheit, es beliebig zu kombinieren. Darauf hat Dylan sich immer wieder ausdrücklich berufen. Der Sänger ist nur das Mundstück einer vitalen anonymen Tradition.

Die dritte Antwort lautet: Seit 2001, seit dem Album „Love And Theft“, hat Dylan dieses Prinzip seines Schreibens, das ein Prinzip der amerikanischen Musik und Literatur seit dem 19. Jahrhundert ist, zu einem bewusst vorgezeigten Programm gemacht. Er markiert Brüche in seinen Songs, angefangen von den Anführungszeichen im Plattentitel „Love and Theft“. Dieser Titel sagt: Ich bin ein Zitat – es ist ja ein Buchtitel des Kulturwissenschaftlers Eric Lott, den Dylan übernimmt.

Im John Lennon gewidmeten Song „Roll On John“ von 2012 arbeitet Dylan mit Beatles- und Odyssee-Zitaten. Sie arbeiten heraus, dass er so zum Ausdruck bringen will, dass unsere Zeit kaputter ist als die der Antike, weil Odysseus ja schließlich ans Ziel gelangt, während Lennon stirbt. Aber diese Pointe kapiert man doch nur, wenn man die Anspielungen versteht.

Der Song funktioniert auch ohne dieses Wissen ganz gut. Man sollte wissen, wer John Lennon ist, und vielleicht ein paar Beatles-Zitate erkennen. Aber mehr Vorwissen wird nicht verlangt. Wie bei Goethe-Gedichten oder Shakespeare-Sonetten gilt auch hier: Wer die Sprache versteht und keine Angst vor Versen hat, versteht auch das Gedicht. Wer dann noch die Subtexte, Anspielungen, Zitate wahrnimmt, hat noch mehr davon. Es kommt ein Untergeschoss hinzu, manchmal auch ein zweites und drittes. Diese Ebenen machen sich keine Konkurrenz. Die Songs werden nur reicher und tiefer.

2016 hat Dylan den Literaturnobelpreis bekommen – zu Recht? Können seine Songtexte auch ohne Musik bestehen?

Das sind zwei Fragen. Ja, er hat den Nobelpreis zu Recht bekommen. Und nein: Seine Songs können nicht ohne Musik bestehen. Bei vielen bleibt zwar erstaunlich viel übrig, wenn man sie gedruckt liest. Aber da sind sie keine wirkliche Konkurrenz zu dem, was in England und Amerika an zeitgenössischer Lyrik entsteht. Doch als Songs sind sie perfekt. Dylan schreibt Texte, die gesungen und inszeniert, die aufgeführt werden sollen. Ohne die Performance ist es so, als würde man statt eines Balletts nur choreographische Skizzen betrachten. Horace Engdahl hat das in seiner Nobelpreis-Laudatio sehr schön formuliert. Er erinnert daran, dass die antiken Dichter und die Musen der griechischen Mythologie nicht schreiben, sondern singen und tanzen. Abgesehen davon war ich trotzdem nicht sehr glücklich darüber, dass Dylan den Nobelpreis bekommen hat.

Warum?

Ich habe früher mal gesagt, der Nobelpreis wäre gut, um anzuerkennen, dass es diese uralte Form von performter Literatur auch im 20. und 21. Jahrhundert gibt. Aber ich glaube, für Dylan persönlich war der Preis, trotz der großen Anerkennung, eher eine Belastung, weil er genau die Balance störte, auf die es ihm lebenslang so besonders angekommen ist. Er balancierte immer zwischen Hoch- und Popularkultur, Mündlichkeit und Schriftlichkeit, und der Preis zog ihn ungewollt auf eine Seite.

Wirkte Dylans Reaktion auf den Preis deshalb so herablassend?

Ich fand sie nicht herablassend. Ich kenne Sara Danius, die ihm den Preis schließlich überreicht und darüber auch einen schönen Essay geschrieben hat. Sie hat mir bestätigt, was mein Eindruck aus der Ferne war: Dylan war zugleich geehrt und unsicher. Er hat diesen Preis immer als rein literarischen betrachtet und fühlte sich in dieser Hinsicht irgendwie falsch einsortiert. Als „Song and Dance Man“, der brillante Songtexte schreibt und aufführt, fehlt es Dylan gewiss nicht an Selbstbewusstsein. Die schöne Pointe, dass er eben deshalb den Preis bekommen soll, hat er nicht recht verstanden, oder er hat sie nicht geglaubt. Diese Unsicherheit hat dazu geführt, dass er sich einige Tage totgestellt hat. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Eigentlich ist es traurig, dass er diese so liebevoll gemeinte Auszeichnung so als Belastung empfunden hat, vielleicht fast als Bedrohung.

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