Hohe Mathematik und tiefe Emotion

Bisdorf  Das Festival „Soli Deo Gloria“ für Alte Musik im Schafstall Bisdorf wurde mit Bachs „Kunst der Fuge“für zwei Klaviere eröffnet.

Yaara Tal und Andreas Groethuysen im Schafstall.Martin Jasper

Yaara Tal und Andreas Groethuysen im Schafstall.Martin Jasper

. Wer sich allsommerlich aufmacht raus aus der Stadt, durch golden wogende Felder und unter sattgrünen Baumwipfeln hindurch zum rot in der Sonne leuchtenden Gutshof in Bisdorf mit seinem pittoresken Schafstall, der spürt in der Regel im Sinne Beethovens das „Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“.

In diesem Jahr freilich bot sich der Sommerabend zwar tatsächlich von seiner heitersten Seite, aber das Programm ließ auch klamme Gefühle aufkommen. Schließlich wurde das Festival „Soli Deo Gloria“ mit einem fundamentalen Werk der europäischen Musikgeschichte eröffnet: mit Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“. Das ist eine hochartifizielle Gegeneinander-Führung verschiedener Stimmen in 14 Fugen und 4 Kanons, die sich aus einem ganz einfachen Thema entfalten. Mathematik in Tönen.

Im Programmheft stand einschüchternd, als Zuhörer überhaupt je die ganze Machart dieser Stücke nachvollziehen zu können, „geht so gut wie gar nicht“. Selbst die ausführenden Musiker würden „nur in den seltensten Fällen in der Lage sein, alles hören zu können, was drin steckt.“ Andererseits: Was wir an Bach ja so sehr bewundern, ist die Ineinssetzung von hoher Mathematik und tiefer Emotion.

Die Musiker waren in dem Fall das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen. Sie spielten nun nicht Bach pur, sondern eine Bearbeitung für zwei Klaviere des 1952 geborenen Komponisten Reinhard Febel. Und, ein sympathischer Zug der Musiker, sie erläuterten die Stücke auch kurz(weilig). Da klärte etwa Groethuysen das Publikum über eine besondere Raffinesse auf: „Selbst wenn wir beide scheinbar auseinander sind, ist das nicht unserem pianistischen Unvermögen zuzuschreiben.“ Eine Spiegelfuge bezeichnete er als „kontrapunktischen Hardcore“. Denn: „Bach konnte es gar nicht kompliziert genug sein."

Nun kann man natürlich streiten, ob eine modernistische Bearbeitung wie die von Febel einen Mehrwert birgt oder ob man nicht lieber das Original pur zelebrieren sollte.

Nun, beim ersten Hören wirkt die Mischung aus modernen und barocken Elementen in der Tat mitunter etwas eklektisch. Doch gewinnt das Konzert dadurch an Dynamik und Dramatik. Hochkonzentriert, mit intensivem Augenkontakt, immenser rhythmischer Genauigkeit und glasklarem Anschlag gelingt es den Pianisten, die vertrackte Struktur der Stücke transparent zu machen und zugleich emotionale Überraschungen Eruptionen und expressive Verdichtungen hervorzutreiben. So war es denn doch eine spannende Sache.

Und als am Ende die rätselhafte letzte Fuge in schweren, tiefen Klängen ins Verstummen tropfte und zugleich durch die offenen Oberlichter im Gebälk des Stalles das Zwitschern der Schwalben hineinklang, da war das Tiefste mit dem Heitersten glücklich verschmolzen.

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