Abschied von der gar nicht so braven Sauberfrau

Washington.  Die Hollywood-Legende Doris Day ist mit 97 Jahren gestorben. Sie hatte mehr Kanten, als ihr Image weismachen wollte.

Doris Day bei der Verleihung der Golden Globe Awards 1989.

Doris Day bei der Verleihung der Golden Globe Awards 1989.

Foto: dpa

„Ich kannte Sie, bevor sie eine Jungfrau wurde.” Es gab zeitlebens keinen besseren Satz über Doris Mary Ann von Kappelhoff als den von Oscar Levant.

Der junge Komponist hatte die Blondine mit deutschen Wurzeln, die als Doris Day zur Leinwand-Traumfrau im Nachkriegs-Amerika aufstieg, kennengelernt, bevor sie 1948 in „Zaubernächte in Rio” von Regisseur Michael Curtiz ihre erste von fast 40 Rollen bekam.

Zu jener Zeit hatte die 1922 in der deutschen Einwanderer-Hochburg Cincinnati im Bundesstaat Ohio geborene Sängerin und Tänzerin bereits mit Frank Sinatra und Bob Hope die Nächte durchgejazzt. Und mit zwei Ehen und einem Kind bereits so viel pralles Leben hinter sich, dass die ihr fortan angedichtete Rolle als Protagonistin des verklemmt-hausbackenen Blümchen-Sex-Zeitalters im Rückblick noch bizarrer anmutet.

Gestern teilte die Stiftung der Hollywood-Legende mit, dass Doris Day, die im April ihren 97. Geburtstag feierte, an den Folgen einer Lungenentzündung im Kreis engster Freunde gestorben ist.

Am meisten verbindet man Doris Day mit den scheinbar belanglosen Komödien, die sie in den 50er und frühen 60er Jahren drehte. „Was diese Frau so alles treibt“ (sie spielte eine Arztgattin, die James Garner in den Wahnsinn treibt) oder „Bettgeflüster“ (Day als aufgedrehte Innendekorateurin, die den Playboy Rock Hudson becirct) waren Filme, die wie Schaufenster in die Sehnsuchtslandschaften Wirtschaftwunderland-Amerikas wirkten. Eine Zeit, die (durch Hollywoods Linse betrachtet) von Wohlstand, Aufbruch und Sorgenfreiheit geprägt war. Die einzige Gefahr ging wie in „Spion in Spitzenhöschen” von kleinen Staubsaugern aus, die der Hausfrau in der automatisierten Küche eigensinnig die Arbeit abnehmen.

Aber die Day konnte auch Drama. An der Seite von James Stewart in Alfred Hitchcocks „Der Mann, der zu viel wusste“ (1956) bleibt neben dem unsterblichen Lied „Que sera, sera, whatever will be, will be” die Szene in Erinnerung, als sie nach zwei Beruhigungstabletten eröffnet bekommt, dass der gemeinsame Sohn entführt worden ist. Hier wie auch in „Ein Pyjama für zwei“ (1961) schafft Day es in 20, 30 Sekunden ein ganzes Feuerwerk widerstreitender Emotionen über ihr Gesicht sprühen zu lassen.

Doch Day drehte auch Filme, die gar nicht zu ihrem Image als patenter Sauberfrau passten. In „Calamity Jane” (1953) trägt sie eine Waffe. Und in „Mit mir nicht, meine Herren“ (1959) zeigt sie als alleinerziehende Mutter einer Eisenbahngesellschaft, was eine Harke ist. Das Angebot, die Konventionen sprengende ältere Liebhaberin in „Die Reifeprüfung“ zu spielen, lehnte sie allerdings ab.

Dass sie im inszenierten Geschlechterkampf vor der Kamera nie aufgab, hatte wahre Ursachen. Doris Day, selbst Scheidungskind, war mit Männern wenig Glück beschieden. Sie war 19 und Mutter, als die erste Scheidung anstand. Al Jorden, ein Trompeter, hatte sie verprügelt. Nr. 2, der Saxophonist George Weidler, betrog sie nach Strich und Faden. Der dritte Gatte, ihr Manager Marty Melcher, verprasste ihr 20-Millionen-Dollar-Vermögen. Er starb 1968 an Herzversagen. 1981 wurde sie vom vierten Ehemann geschieden. Dazu kam 2004 der vielleicht schlimmste Schicksalsschlag. Terry Melcher, ihr einziger Sohn, starb mit 62 an Krebs.

Day gehörte zu den wenigen Superstars, deren Erfolg an den Kinokassen nie mit einem Oscar belohnt wurde. 1989 erhielt sie „nur” einen Sonderpreis für ihr Lebenswerk. Vier Jahre später folgte eine Grammy-Trophäe als Auszeichnung für ihre musikalischen Verdienste. Kurz danach stürmte Day mit weit über 80 Jahren und dem Album „My Heart” die Hitparaden.

Bereits in den 70er Jahren hatte sich Day ihre Filmkarriere aufgegeben und sich ins idyllischen Carmel nördlich von L.A. zurückgezogen. Sie betrieb ein kleines Hotel und widmete sich, umgeben von Hunden und Katzen, dem Tierschutz.

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