Kommt mit ins Heidi-Land!

Wolfenbüttel.  Joanna Schulte aus Hannover verwandelt den Kunstverein Wolfenbüttel in eine rustikale Bergwanderroute.

Alpines Idyll mitten in Wolfenbüttel.Martin Jasper

Alpines Idyll mitten in Wolfenbüttel.Martin Jasper

Es ist eine Stadt. Und sie liegt mitten in der norddeutschen Tiefebene. Betritt man aber den örtlichen Kunstverein, fühlt man sich hinaus versetzt ins ländliche Idyll. Hoch hinaus quasi: in romantische Bergwelten.

Ein Wanderpfad aus kantigen Holzbrettern ist als Rundparcours ausgelegt. Am Wegesrand stehen grob aus Teilen von Baumstämmen zusammengezimmerte Bänke und Tische. Auf dem Boden Laub und Rindenstücke. Es gibt kleine rote Häuschen, in denen man sich Stempel fürs Wanderbuch holen kann. In einem ist eine metallene Madonna untergebracht, wie man sie in den Alpen häufig antrifft. Bilder an den Wänden zeigen Bergpanoramen, sommerlich majestätisch aus den Alpen, eher düster drohend mit Schneeresten aus dem Harz.

Darauf zu sehen ist jeweils eine kleine, rot gewandete Frauensperson. Ist sie das? Unser aller heiß geliebte Heidi? Die Inkarnation der ewig heilen Bergwelt?

Natürlich nicht. Es handelt sich ja hier nicht um eine Werbekulisse vom Alpenverein, sondern um Kunst. Die Frau in Rot sei, so versichert uns die Aufsicht, die Künstlerin selbst. Joanna Schulte, geboren 1969 in Osnabrück, in Hannover lebend. Eine Norddeutsche also, infiziert aber mit der Liebe zur Natur, zu den Bergen, zum Wandern.

Die Atmosphäre ihrer Arbeiten beschreibt sie mit den Worten „nostalgische Melancholie“. Das deutet darauf hin, dass sie die Bergwelt schon längst nicht mehr als heidimäßig heil empfindet. Romantik, die einem entgleitet, wird nostalgisch, und das Bewusstsein des Verlustes stimmt die empfindsame Seele melancholisch. Nur ist davon zumindest im ersten Raum wenig zu spüren. Er ist zu realistisch schlicht geraten, hat tatsächlich eher etwas von einer rustikalen Innenraum-Dekoration. Da helfen auch die geraunten Worte aus der Sound-Schleife wenig, die alle irgendwie mit Gehen, mit Richtungswechsel zu tun haben.

Subtil dagegen eine Installation im hinteren Raum. Ein Projektor wirft Dias eines vernebelten Bergpanoramas auf die Wand. Es ist aber nicht das immergleiche Foto, wie es zunächst scheint. Sondern eine Abfolge von Bildern, auf denen sich die Wolken-Formation über den Gipfeln ganz sanft verändert. Dazu wird künstlicher Nebel in den Raum geblasen. Wer sich einlässt auf diesen Superzeitlupe-Film, gerät tatsächlich in eine melancholische spätromantische Beschaulichkeit: Als Wanderer nicht über, sondern mitten im Nebelmeer.

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