Wenn sexy Hexy mit dem Teufel schaukelt

Hildesheim.   Tschaikowskys frühe Märchenoper „Die Pantöffelchen“ feiert in Hildesheim nach 30 Jahren Wiedersehen

Peter Kubik als Teufel.

Peter Kubik als Teufel.

Foto: falk von traubenberg / TfN Hildesheim

In Russland regiert der Teufel. Findet jedenfalls der satirische Schriftsteller Nikolai Gogol im 19. Jahrhundert und schickt ihn als keckes Springteufelchen unter die sonst allzu trägen Bauern, damit ein bisschen Leben in ihre Fron und ihren Frust kommt. Sein Teufel ist ein Seelchen, der sich über seine Karikatur in der Kirche ärgert, die Menschen foppt und piesackt, mit dem man aber auch ins Geschäft kommen kann.

Der Schmied Wakula macht ihn sich dienstbar, um die goldenen Pantöffelchen der Zarin für seine Angebetete Oxana zu erringen. Und Peter Tschaikowsky hat daraus eine Oper gemacht, die quirlig sprudelt wie seine Ballettmusiken. Seine 1887 uraufgeführten „Pantöffelchen“, die nun das Theater für Niedersachsen in Hildesheim nach 30 Jahren wieder nach Deutschland geholt hat, klingt wie gesungene Tanzsätze. Festliche Märsche wechseln mit volksliedhaften Ensembles, hüpfende Mazurken mit ariosen Erörterungen.

Florian Ziemen reizt das mit seinem Orchester phantasievoll aus. Die spröden Flöten und reibende Harmonik zu Beginn geben den Rahmen für ein höchst schräges Märchen, in dem der Teufel ständig seine Finger im Spiel hat. Mit Pauke und Becken werden die Töne zur Ordnung gerufen. Schwelgen und Irritation gehen Hand in Hand bei diesem satirischen Blick auf russisches Volkserleben. Das Ganze ist ein Stationendrama, das Regisseurin Anna Katharina Bernreiter mit ihren Ausstattern zu einer märchenhaft zugespitzten, immer wieder verblüffend Alltägliches zweckentfremdenden Reise durch den Theaterfundus gemacht hat.

Am Anfang zaubert der Teufel in Babuschka-Manier Haus um Haus aus dem Spielzeughäuschen. Dicke Luftballons sind Mond und Sonne, Haarteile türmen sich zu Frauenhüten, Tierfelle und Hörner krönen charakteristisch die Männerpotenzen. Der weiße Teufel mit seinen Rehböckchen-Hörnern und Fellpuschelschuhen ist da so ein pfiffiger Springinsfeld wie der Dorfschulze mit dem Büffelfell behäbig, und rund umhüllt vom körperlangen Loreley-Haar sind die nackten Nixen. Mal schneit’s, mal qualmt’s, und wenn die Schaukel zum Teufelsritt nicht aufwärts kann, dann dirigiert er sie eben mit ironischer Entschuldigung zur Seite.

Eine Deutungsebene hat Bernreiter freilich nicht eingezogen in ihre winterliche Bühnenlandschaft. Wie in Gogols Satire gehören Teufel, Hexe und etwas Zauberei nun mal dazu zum Leben. Neele Kramer ist als Solocha eine sexy Hexy im rosa Hosenanzug mit Gerippe am Revers. Ihr wunderbar runder und volltöniger Mezzo macht ihre sinnlichen Geneigtheiten plausibel. Aber sie lässt selbst den Teufel ganz schön zappeln, bis er mit ihr züngeln darf. Peter Kubik ist ein koboldiger Figaro-Teufel, der sich vom braven Wakula überrumpeln lässt und fortan für ihn wirbeln muss. Er tut’s mit kernigem Bariton.

Bei Hofe herrscht Unterwäschezwang, was pikant mit den gepalmten Heizpilzen und Schmuckstücken kontrastiert. Tschaikowskys umfangreiche Balletteinlage übernimmt mangels Tänzern der stimmlich bestens aufgestellte Chor. Trotz lustiger Schreitkombinationen ist das angesichts der prächtigen Musik über die Länge doch etwas fad.

Die Zarin kommt nicht nur Wakula wie die geliebte Oxana vor, jedenfalls erhält er die Pantöffelchen und bringt sie nach Heimkunft der Erwählten dar. Die nimmt sie auch, immerhin Goldsneakers mit blinkender Glimmersohle. Aber, so sind die Frauen, sie tut so, als wär’s ja nicht so wichtig gewesen, sie liebe ihn doch eh.

Katja Bördner singt die Oxana mit einem kräftigen, weit aufgehenden Sopran, dem sich der klangvolle, prächtig höhenstrahlende Tenor von Wolfgang Schwaninger als Wakula zu innigem Duett beimischt. Viel Applaus im Märchenland.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder