Der Aufklärer mit Herz für Kinder

Braunschweig.  Ein internationales Symposium widmet sich dem Braunschweiger Verleger, Pädagogen und Publizisten Joachim Heinrich Campe. Er starb vor 200 Jahren.

Der Braunschweiger Schriftsteller, Verleger, Sprachforscher und Aufklärer  Joachim Heinrich Campe (1746-1816).

Der Braunschweiger Schriftsteller, Verleger, Sprachforscher und Aufklärer Joachim Heinrich Campe (1746-1816).

Foto: Museum

Dass er einer der führenden Köpfe seiner Zeit war, erwies sich auch an seinem wirtschaftlichen Erfolg. Der Pädagoge, Schriftsteller, Lexikograph und Verleger Joachim Heinrich Campe bewohnte und bewirtschaftete am Ende seines ertragreichen Lebens ein Grundstück, das sich vom heutigen Braunschweiger Bahnhofsgelände bis zum Kennedyplatz erstreckte. Sein 200. Todestag jährt sich Ende Oktober. Grund genug für das Germanistische Institut der TU Braunschweig, den bedeutenden Aufklärer mit einer international besetzten Tagung zu würdigen. Am Donnerstag, 13. September, um 14 Uhr eröffnet sie im Haus der Wissenschaft.

„Campe war der Mann, der Wilhelm von Humboldt Lesen und Schreiben beibrachte“, sagt der Germanist Cord-Friedrich Berghahn, der die Tagung mit seiner Kollegin Imke Lang-Groth organisiert. Die Pädagogik war das erste Gebiet, auf dem sich der vielseitig begabte Campe hervortat. 1746 bei Holzminden in einer Exklave des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel geboren, studiert der Kaufmannssohn in Helmstedt und Halle Theologie. Doch die Geistlichkeit erscheint dem weltoffenen, pragmatischen Campe bald zu dogmatisch und verstockt. „Wie kann ein Biedermann sich glücklich fühlen, wenn er täglich die Rolle eines Heuchlers spielen muss? Und die muss jeder Geistliche spielen...“, zitiert Imke Lang-Groth in der Zeitschrift für Germanistik aus einem Brief, den Campe damals seinem Schwager schrieb.

Statt als Pastor arbeitet er als Gelegenheitsdichter, der Hochzeiten und Beerdigungen poetisch begleitet, und erhält schließlich eine Stelle als Hauslehrer bei den Humboldts in Berlin. Bald darauf wechselt er nach Dessau, wo der Aufklärer Johann Bernhard Basedow ein fortschrittliches Internat betreibt, das Philanthropin. Bald darauf gründet Campe sein eigenes Institut auf einem Hof bei Hamburg, wo er eine Handvoll Kaufmannssöhne nach seinen Vorstellungen von einer modernen Pädagogik erzieht.

„Sein Ziel ist es, junge Leute von Beginn an zu eigenständig denkenden Menschen zu formen, ihnen im positiven Sinn etwas zuzumuten, in freundlicher Zuwendung, ohne Strafen“, erklärt Imke Lang-Groth. Neben der Theorie soll die praktische Arbeit und Anschauung im Freien nicht zu kurz kommen. Das schlägt ein, das aufgeklärte Bürgertum ist bereit, in moderne Bildungsideen zu investieren. Campe verdient nicht schlecht, und er verbreitet seine Ideen auch in Büchern. Ein großer Erfolg wird seine freie, um pädagogische Ideen angereicherte Übersetzung von „Robinson Crusoe“. „Campe wird so zum Mitbegründer einer deutschen Jugendliteratur“, sagt Imke Lang-Groth. Und auch seine Erziehungsratgeber „Teophron“ (für Jungen) und „Väterlicher Rath für meine Tochter“ werden Bestseller. Zwar sei auch Campe von der Idee weiblicher Selbstbestimmtheit noch weit entfernt, meint Lang-Groth. Aber er wolle junge Frauen immerhin „zu ebenbürtigen Gesprächspartnern“ (Campe) ihrer späteren Gatten ausbilden - und ihnen darum umfassende Bildung angedeihen lassen.

1786 beruft der Braunschweiger Herzog Carl-Wilhelm Ferdinand Campe an seinen Hof, um das Schulwesen im Land zu reformieren. Das scheitert am Widerstand der Kirche und der Landstände. Doch der Herzog ermöglicht seinem „Hochfürstlichen Schulrath“ den Kauf der Schulbuchhandlung in Braunschweig. Die bauen Campe und sein Schwiegersohn und Nachfolger Friedrich Vieweg bald zu einem der wichtigsten deutschen Verlage aus.

Im Sommer 1789 reist Campe nach Paris, um die französische Revolution persönlich in Augenschein zu nehmen – an der Seite seines früheren Zöglings Wilhelm von Humboldt. In seinen „Briefen aus Paris“ zeigt Campe sich begeistert davon, wie breite Bevölkerungsschichten Anteil an der Politik nehmen, sich informieren und mitreden. Das will er auch in Deutschland erreichen, wenngleich er die radikalen Ziele der Revolution nicht mitträgt. Ein aufgeklärter, liberaler Fürstenstaat ist ihm zunächst genug. Die Grundlage jeder aufgeklärten Gesellschaft aber ist für Campe Bildung - „und der Schlüssel zur Bildung ist ihm die Sprache“, sagt Imke Lang-Groth. So wird Campe zum Lexikografen, der Wörterbücher schreibt und zahlreiche Fremdwörter eindeutscht - damit auch einfache Menschen sie verstehen können.

Um die Jahrhundertwende ist Campe ein weithin bekannter, einflussreicher Publizist, der in Kontakt mit zahlreichen Geistesgrößen seiner Zeit steht. Dabei kommt es auch zu Zerwürfnissen, etwa mit Wilhelm von Humboldt. Der schildert, wie Campe angesichts des gewaltigen Schaffhauser Rheinfalls sagte, einen Kirschbaum schaue er lieber an, denn der trage Früchte, während der Rheinfall ein großes Geplätscher sei, das niemandem etwas nütze. Humboldt habe Campes entschiedenem Pragmatismus die freie Anschauung vorgezogen, sagt Cord Berghahn: Wahre Wissenschaft müsse zweckfrei sein. Wilhelms Bruder Alexander hinderte das nicht, seine erste Schrift „Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein“ 1790 bei Campe in Braunschweig zu verlegen.

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