Zwei Jazzer zum Träumen

Braunschweig.  Till Brönner und Dieter Ilg brillieren als Zwei-Mann-Band bei „Kultur im Zelt“. Mit dezenter elektronischer Hilfe bieten sie Experimentelles und Zartes.

Till Brönner und Bassist Dieter Ilg gaben ein facettenreiches Zwei-Mann-Konzert im Braunschweiger Kulturzelt. 

Till Brönner und Bassist Dieter Ilg gaben ein facettenreiches Zwei-Mann-Konzert im Braunschweiger Kulturzelt. 

Foto: Rüdiger Knuth

„…und nun freuen Sie sich auf einen Abend mit Till Brönner“. Hier fehlt etwas, beziehungsweise einer. Eine uncharmante Ankündigung des Jazz-Duos durch die Begrüßungsdame auf der Bühne des restlos ausverkauften Jazzabends bei „Kultur im Zelt“. Denn der Bassist Dieter Ilg greift Brönners künstlerische Ideen auf, verarbeitet sie kongenial, setzt Impulse. Einer kann nicht ohne den Anderen. Zumindest an diesem Abend.

Mit „Nightfall“, so der Titel ihres Konzerts und ihres gemeinsamen Albums, wandeln sie im mystischen Zwielicht zwischen Hell und Dunkel. Brönners Flügelhorn taucht geisterhaft und piano aus der Tiefe des Raumes auf, sanft, wärmend. Mit satter Fülle haucht sich der sonor vibrierende Ton wie beiläufig in die Ohren. Ilg streichelt seinen Bass, aufmerksam Brönners Themen variierend. Kein virtuoses Vorzeigen komplizierter Tonfolgen. Stattdessen tröstlich ausgebreitet Abendstimmung. Zum Träumen. Unaufgeregt.

Wie in „1000 Kisses Deep“ von Leonard Cohen. Auch hier in Zärtlichkeit geronnene Liebe, wie die Balance zwischen Ein- und Ausatmen. Ilg klopft einen schlichten Rhythmus. Herzklopfen. Regelmäßig. Und doch voller Leben und Spannung. Und wie in einem organischen Prozess lotet Brönner das liedhafte Thema aus, dreht es, kehrt es um, gibt ihm Konturen. Der Bass übernimmt. Bleibt im Tonraum, in der sanften Stimmung einer Liebeserklärung. 1000 Küsse eben. Musikalisch übersetzt.

„Die kleinste Band der Welt“, sagt Brönner. „Kein Drummer“ und – ironisch – „trotz meiner Liebe zu großen Orchestern“. Mit Ilg musiziert er kammermusikalisch, aber auch mit orchestraler Wucht. Da hilft dezent und unsichtbar eingesetzte Technik. Overdubs, Loops, Soundeffekte durch beklopftes Trompetenmundstück. Experimentelles.

Ilg verschwindet hinter seinem Bass. Der grummelt, quiekt, Eulen rufen, Dohlen schreien. Es poltert und rauscht geisterhaft. Beide reizen die instrumentellen Möglichkeiten aus. Dann Ilgs Solo. Ein grelles Trompetensignal. Eine Impression ihres Erlebnisses in den Alpen. Dann wieder Traditionelles. „Eleanor Rigby“ von den Beatles. Ein Schulbeispiel für jazzige Verarbeitung eines Themas. Ilgs Bass mit einer aufsteigenden Linie. Brönner ist nah beim Thema. Klare Konturen, klagend. Gehetzt. Und dann ein neues musikalisches Gewand. So neu wie seine portugiesischen Vokalisen über die Sonne von Ipanema. Virtuos und stimmig.

Am Schluss kommt der 47-Jährige ins Schwatzen, berauscht von der Euphorie der Fans. Gepäckbänder im Flughafen und pubertäre Eindrücke von Mädchentanzgruppen. Doch dann Charlie Parker. Eine unwiderstehliche Mixtur von Rhythmus, Farbe, Temperament. „Seine Musik war wie eine Frau, die mich anbaggerte“ hat er mal gesagt. Man hört es auch an diesem Abend. Langer Applaus. Und die ersehnten Zugaben.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder