„Da sieht man noch die Schmauchspuren“

Braunschweig  Hinter den Kulissen des Movimentos-Kraftwerks in Wolfsburg dient eine weitere Riesenhalle den Künstlern.

Der Blick von hier oben ist in beide Richtungen faszinierend. Schaut man aus den Fenstern auf 33 Metern Höhe des VW-Kraftwerks in Wolfsburg, sieht man schon die ersten Gäste über die Pontonbrücke von der Autostadt herüberlaufen. Heute ist Premiere, da gibt es um viertel acht eine Einführung, die viele gern anhören, um die Programme der internationalen Tanz-Compagnien besser zu verstehen.

„Aber viele kommen auch, um die spezielle Atmosphäre des alten Kraftwerks als Veranstaltungsort zu genießen, den Tanz nehmen sie intuitiv und emotional auf“, sagt Jost Körfer, der als Projektmanager in der Evententwicklung der Autostadt arbeitet und das Festival mitorganisiert.

Von den Lesefäden, die freundliche Damen an die Stelle der aktuellen Compagnie legen, bevor sie das Programmbuch den Besuchern als Geschenk überreichen, bis zum endgültigen Startzeichen, um den Einlass in die Foyers freizugeben, reicht seine Verantwortung. Beim Gespräch hat er immer einen Knopf im Ohr, lauscht auf vier Kanälen den Meldungen der Künstlerbetreuung, des Caterings, der Technik und der Sicherheit. Erst wenn überall alles okay ist, dürfen die Zuschauer rein.

Während sie zwischen den bunt beleuchteten Altturbinen wandeln und die Größe des gekachelten, von Nutzungsspuren gezeichneten 100-mal-15-Meter-Raumes bewundern, ahnen sie nicht, dass es parallel nebenan eine ebenso so große, aber noch höhere Halle gibt, in der sich Künstler und Movimentos-Crew auf den Abend vorbereiten. 39 Meter hoch ist sie, und wendet man den Blick auf der obersten Galerie vom Fenster weg und über die Reling des umlaufenden Gangs, dann guckt man steil hinab in die Containerstadt mit offenen Dächern, also direkt bis auf die Schreibtische der Projektleitung, auf die Drahtkisten mit Kabeln und Requisiten, auf den Tanzboden zum Warmmachen für die Tänzer. Die Garderoben und die Kantine sind mit Tüchern abgeschirmt, es staubt hier.

Ein Jahr vor dem ersten Movimentos-Festival kam der studierte Betriebswirt Körfer von der Bertelsmann-Stiftung in die Autostadt. Er bekam die ersten Konzerte hier mit, die Probeläufe für das große Fest, das dann 2003 kommen sollte. „Im ersten Jahr war alles noch Experiment. Die Künstler mussten sich hinter der Bühne umziehen. Die Crew war über den heutigen Loungebars untergebracht, mit genau einer Kaffeemaschine. Die Nebenhalle haben wir erst im dritten Jahr dazubekommen“, erzählt Körfer.

Die Compagnien seien noch heute manchmal skeptisch, wenn sie hörten, dass sie in einem Kohlekraftwerk auftreten sollen. Natürlich seien die Wege ins Hotel auf der anderen Seite der Hafenbucht lang, müsse man sich mit Dusch- und Toilettencontainern behelfen. „Aber wenn sie dann hier sind, sind alle begeistert. Das Ballett BC aus Vancouver hat geheult nach der letzten Aufführung, weil ihre vollendete Körperästhetik so wunderbar mit dem alten Industrieraum korrespondierte.“

Ein Industrieraum ist das Kraftwerk immer noch. Stets müssen Feuerstättenverordnung und Veranstaltungsstättenverordnung abgeglichen werden. Denn in der Nebenhalle steht eine aktive Turbine, die bei Kälte angeworfen werden könnte. Es gehen Gasleitungen durch den Raum. Abgesehen von den Klimaschläuchen und Anlagen zur Beheizung oder Kühlung der Veranstaltungshalle. Und bald soll in beiden Hallen ja wirklich wieder Kraftwerkbetrieb herrschen. Wie es weitergeht mit der Erfolgsmarke Movimentos, steht daher noch in den Sternen.

Körfer sieht es eine Woche vor Schluss des Festivals noch ganz unsentimental. „Es ist toll, ein Erfolgsprojekt von der ersten bis zur letzten Show gemanagt zu haben. Ich mag vor allem die Mischung des Publikums. Dass hier der FAZ-Feuilletonchef neben dem Bandarbeiter sitzt. Und natürlich den ästhetischen Bruch, den die Tanzkunst in diese Gebrauchsanlage bringt. Da sieht man ja überall noch die Schmauchspuren, Löcher früherer Installationen. Manche Türen enden heute meterhoch im Nichts!“ Aber Körfer findet auch einen Neustart gut, das könnte wieder neue spannende Ideen freisetzen.

Genug aufregende Erinnerungen nimmt er aus den 16 Jahren in jedem Fall mit. Nachdem ein Transformatorbrand gelöscht worden war, sorgte die Crew mit Duftbäumen sämtlicher Wolfsburger Tankstellen wieder für gutes Klima. Oder die Forderung einer Compagnie nach 6 Litern Olivenöl, die eigentlich 60 hätte heißen müssen, weil sie sich damit ihre Ganzkörperschminke abwaschen wollten. Ein nächtlicher Einkauf bei Real schuf Rat. Nichts gegen den Auftrag der Choreographin Marie Chouinard, die plötzlich 21 Umschnall-Dildos in ihr Stück einbauen wollte. Körfers Mannen grasten die umliegenden Sex-Shops in Braunschweig und Hannover ab. „Diese Kostenstelle mussten wir dem Einkauf erstmal erklären“, erzählt Körfer lachend.

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