Steht Hans Scharouns Erstlingswerk vor dem Verfall?

Wolfsburg  Die Bauten des Architekten des Wolfsburger Theaters in Tschernajowsk müssen dringend saniert werden.

Menschen in der Region ist Hans Scharoun vor allem als Architekt des Wolfsburger Theaters bekannt. Der Berliner Architekt Dimitri Suchin beschäftigt sich als Mitglied der Scharoun-Gesellschaft mit dessen Gesamtwerk: Sorgenfalten treibt ihm der Zustand der „Bunten Reihe“ auf die Stirn, eine Wohnsiedlung in der Stadt Tschernajowsk im ehemaligen Ostpreußen, heute in der russischen Exklave Kaliningrad verortet.

1919 gebaut, stellte die „Bunte Reihe“ das erste eigene Projekt von Hans Scharoun da. Für Dimitri Suchin ist es nicht nur für Scharouns Werk, auch für die Architekturgeschichte an sich von großer Bedeutung: „Es ist erst die zweite Realisierung des ,Farbigen Bauens‘, das Bruno Traut mit der Tuschkastensiedlung in Berlin begründet hat“, so Suchin. Im Gegensatz zur „Bunten Reihe“ stehe Tauts Projekt auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes.

Seit ihrer Entstehung vor fast 100 Jahren sei die Siedlung in Tschernajowsk nicht grundlegend saniert worden, so Suchin: „Für mich als Bauforscher ein Glück, denn die Häuser befinden sich noch im Originalzustand.“ Allerdings sei der Verfall schon weit fortgeschritten. „Die Dächer sind in einem schlechten Zustand, Keller stehen voll mit Wasser, einige Bewohner nutzen Styropor als improvisiertes Dämmmaterial“, so Suchin. Die Gebäude befinden sich in privater Hand – obliegen also keiner kommunalen Verwaltung, die eine Sanierung verwirklichen könnte.

Der Architekt hat deshalb einen Verein gegründet, der sich für den Erhalt der „Bunten Reihe“ einsetzt – auf das Wirken des Kamswyker Kreises hin wurde die Siedlung im Jahr 2014 zu einem der „Sieben meistbedrohten Kulturdenkmäler Europas“ nach Europa-Nostra erklärt.

Zudem richtet der Verein vor Ort Sommerkurse für Architekten und Studenten aus, will eine Lehr-Baustelle einrichten, um die Sanierung der Gebäude zum Forschungsprojekt auszubauen. Diese Idee rühre auch daher, dass es vor Ort einen Mangel an Handwerkern, ausgebildeten Restaurateuren und anderen Fachkräften gebe, so Suchin. „Mit 14 Mitgliedern im Verein sind wir auf Hilfe von engagierten Menschen angewiesen“, so Suchin.

Scharouns Handschrift, die neben dem Theater in Wolfsburg auch etwa in der Berliner Philharmonie deutlich zu erkennen ist, sei im Erstlingswerk des Architekten kaum offensichtlich, eher „zwischen den Zeilen“ lesbar, so Suchin. „Das liegt auch daran, dass wir es hier mit etwas zu tun haben, was heute unter dem Begriff ,Sozialwohnungen’ gefasst wird“, so der Architekt. „Nichtsdestotrotz ist sie der Beweis dafür, dass Scharoun, der den Aufruf zum bunten Bauen unterstützte, dieses Ideal auch in die Tat umsetzte“, begründet Suchin den Aufwand. Die Strömung wandte sich nach dem ersten Weltkrieg von den tristen Farben und der Stuckatur der Architektur der Kaiserzeit ab, um einfachere, aber farbenfrohe Gebäude zu favorisieren.

Der Verein Kamswyker Kreis wird vom Scharoun-Theater in Wolfsburg unterstützt, das sich mit dem Anliegen von Dimitri Suchin solidarisiert. „Unser Haus wurde aufwendig saniert, weil wir das Glück hatten, von der Stadt finanziert zu werden“, sagt Dramaturg Christian Mädler; das sei nicht selbstverständlich. Zudem wolle das Theater die Gäste für das Gesamtwerk seines Architekten sensibilisieren. Deshalb werden derzeit bedruckte Textilien mit an Scharouns Entwürfe angelehnten Motiven an der Kasse des Theaters ausgestellt: Der Verein verkauft sie über das Internet, um finanzielle Mittel zu sammeln.

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