Echtes Bratschengefühl entwickelt sich im Liegen

Braunschweig  Die Solo-Bratscherin des Staatsorchesters Sara Kim engagiert sich heute im Benefizkonzert für „Ärzte ohne Grenzen“ in der Braunschweiger Magnikirche.

Sara Kim mit ihrer Bratsche der Deutschen Stiftung Musikleben.

Sara Kim mit ihrer Bratsche der Deutschen Stiftung Musikleben.

Foto: Berger

Wie kommt man zur Bratsche? –Indem man die Geige über hat. „Ein Jahr vor meinem Geigendiplom war ich des Geigentons irgendwie müde und wollte gar nicht mehr spielen“, erzählt Sara Kim, neue junge erste Solo-Bratscherin des Staatsorchesters. Das war in Moskau, wohin ihre Familie mit ihr als Sechsjähriger aus Südkorea gezogen war. Ihr Vater arbeitete dort als evangelischer Missionar.

„Ich hatte schon mal mit 15 bei einer Aufführung von Mozarts Sinfonia concertante, damals noch als Geigerin, die dort ebenfalls solistische Bratsche ganz nahe gehört und sehr geliebt. Aber vielleicht lag das auch an dem sehr hübschen Bratscher“, sagt Sara Kim lachend. Von einem Gemeindemitglied durfte sie dann die Bratsche ausprobieren und bereitete so parallel zum Geigendiplom die Aufnahmeprüfung für das Bratschen-Aufbaustudium vor. „Es war mein erster Bratschenlehrer, der mir die Liebe zur Musik wieder zurückgab.“

Das Solo-Repertoire für die Bratsche ist klein. Erst im 20. Jahrhundert entstanden größere Konzerte von Hindemith, der selbst Bratscher war, von Bartók oder Walton. „Die Bratsche ist ein leises Instrument, im Orchester hört man uns fast gar nicht. Erst wenn wir nicht dabei sind, fällt es auf“, sagt die 28-Jährige. Man muss es mögen, nicht die Melodie zu spielen, sondern den Gesamtklang zu unterstützen. „Mir macht es Spaß“, sagt sie bestimmt. Es passe zu ihrem Wesen. „Jedes Instrument hat seinen Charakter und braucht entsprechende Spieler. Ich spreche auch tiefer, bin eher gelassen, nicht so die geigerische aufgeregte Primadonna“, pointiert Sara Kim.

Sie weiß aber auch, dass sie allzu geruhsam sein könnte, daher fordert sie sich bei einem Meisterstudiengang in München selbst heraus. Ihr Lehrer Nils Mönkemeyer, den sie als Juror bei einem Wettbewerb kennengelernt hat, gebe ihr wertvolle Tipps und sei wie ein Freund geworden. „Er hat mich in der Jury so zutreffend kritisiert, dass ich spürte, er will wirklich nur erreichen, dass ich besser werde.“ Tatsächlich war ihr Problem nach fünf Wettbewerben, die sie mit ersten Preisen verließ, dass man ihr immer sagte: „Es klingt noch etwas sehr nach Geige.“ Mönkemeyer habe ihr ganz praktischen Rat gegeben: „Da muss mehr Gewicht auf den Arm, die Haltung tiefer, und er hatte Übungen dazu, etwa auf dem Boden liegend Bratsche zu spielen. Ich habe jetzt ein anderes Gefühl für mein Instrument.“

Das Instrument, eine Viola von 1740 aus der Hand von Paolo Antonio Testore, hat sie sich bei einem Wettbewerb der Deutschen Stiftung Musikleben erspielt. „Ich hatte vorher nie Geld für eine eigene Bratsche, bekam sie in Russland und beim Studium in Berlin von den Schulen gestellt.“

Gut, dass sie so gut ist, seit 2012 hat sie schon zweimal durch Sieg verlängern können. Aber mit 30 ist Schluss. Als Solo-Bratscherin des Staatsorchesters wird sie dann selbst ein Instrument kaufen können. „Ich fühle mich so wohl mit der Testore, dass ich mit meinem Geigenpfleger in Berlin verhandele, ob er sie nachbauen kann.“ Bratschen nämlich können zwischen 39 und 45 Zentimetern Größe variieren, und ihre ist so schön klein, wie für die zierliche Koreanerin gemacht.

Die Größenunterschiede sind ein Zeichen dafür, dass Bratschen, im Gegensatz zur genormten Geige, ein Instrument in ständiger Entwicklung sind. „Eigentlich sind sie zu klein für ihre Stimmlage, aber größere Instrumente könnte man ja kaum halten. Da wird noch viel experimentiert, und insofern sind alte Bratschen oft sogar weniger gut als neue“, erklärt Sara Kim.

Außerhalb ihrer Mitwirkung im Staatsorchester engagiert sich Sara Kim gern in Benefizkonzerten wie heute, 17 Uhr, in der Magnikirche zugunsten von „Ärzte ohne Grenzen“. „Ich bin Christin und freue mich, wenn ich mit meinem Talent helfen kann“, sagt sie schlicht. Ihr Orchesterkollege Henning Bundies als Organisator konnte also auf sie zählen. In Streichquartettbesetzung spielen sie beliebte Melodien des Barock von Bach, Händel, Telemann. Der Eintritt ist frei, jede Spende dient direkt dem guten Zweck.

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