Zwischen Erkenntnis und Wahnsinn

Braunschweig  Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner laden Roland Kremer und Tilman Thiemig in den Krankenhausbunker.

Was treibt mich an, wo will ich hin? Eine Frage, die sich nicht nur Georg Büchner gestellt hat, aber sicher gerade auch er. Der Schriftsteller, Naturforscher, Revolutionär und Philosoph, der ein ereignisreiches nur 23-jähriges Leben hatte, war am 17. Oktober 1813 geboren worden.

Die beiden Literaturvermittler Roland Kremer und Tilman Thiemig ermöglichen aus diesem Anlass noch bis Sonntag bei szenischen Lesungen im Hochbunker des Krankenhauses Celler Straße Begegnungen mit Büchner und dessen Vermächtnis. Erwartungsgemäß auf eine skurrile, einzigartige und eindringliche Weise.

Beim 70-minütigen Gang durch vier Stockwerke, vorbei an außer Betrieb gesetzten Kreißsälen, Operationsräumen und Aborten, durch Gänge und Treppenhäuser, begegnet Büchner den Teilnehmern immer wieder auf neue Weise. Seine wissenschaftlichen Fähigkeiten mit der Erforschung des Nervensystems der Fische, etwa der Flussbarbe, werden dabei genauso rezitiert wie persönliche Briefe und natürlich seine wenigen, aber bedeutsamen Werke. Das zu Lebzeiten nicht ganz fertiggestellte „Woyczek“ dürfte dabei das Bekannteste sein.

Aus seiner Flugschrift „Der Hessische Landbote“, in dem er soziale Missstände seiner Zeit benennt und die Landbevölkerung zu Aufruhr gegen Unterdrückung aufhetzt, stammt zum Beispiel der bekannte Satz: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen.“

Die subjektive Textauswahl gibt freilich nur Fragmente aus Büchners Gedankenwelt wieder. Thiemig und Kramer, verstärkt durch Assistentinnen und Chor, geben dem Querdenker aber Gestalt, führen die Besucher anhand von Rezitationen, überraschenden Effekten und Liedern aus der Zeit des Vormärz durch sein kurzes, vom Geist der Revolution beeinflusstes Leben. Deutlich wird ein steter Wechsel zwischen Faszination und Resignation sowie der oft fließende Übergang zwischen Streben nach Erkenntnis und nahendem Wahnsinn.

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