„Nimm mich mit auf poetische Reisen“

Braunschweig  Eberhard Kleinschmidt widmet sich nach Jahren der Lehre nur noch der Lyrik.

Da kommt im 21. Jahrhundert einer daher und schreibt wie die Dichter von vorvorgestern. Schreibt in klassisch-romantischer Manier. Setzt auf Ganzheitlichkeit! Versucht also, das wieder zusammenzuklamüsern, was die Dichter des 20. Jahrhunderts zertrümmert haben. Seine Vorbilder sind Shakespeare, Goethe, Schiller, Mörike, Opitz sowieso. Ist doch alles schon da gewesen, muss er sich darob öfters sagen lassen. Seine Dichtung – total epigonenhaft!

Dr. Eberhard Kleinschmidt (74) lacht, und wir lehnen uns angesichts des frohgelaunten Dichters, den all dies nicht anzufechten scheint, der diese Vorbehalte gar genüsslich selbst zitiert, entspannt zurück auf dem Biedermeiersofa.

Druckkosten weitgehend aus eigener Tasche bezahlt

„Ich halte dagegen: Ich habe meine Leser!“, sagt der Romanist und ehemalige Dozent der TU Braunschweig. Freunde und Verwandte in erster Linie, okay. Die Druckkosten für seine Gedichtbände hat er weitgehend aus eigener Tasche bezahlt. Aber seit er im Frühjahr mit seiner homepage www.eberhard-kleinschmidt.de online ist, hatte er schon 400 Besucher. Er hat das mal ausgerechnet: „Das waren im Schnitt zwei pro Tag.“ Seit seiner Pensionierung hat er die Lehre an den Nagel gehängt. Seine Fachdidaktik-Bibliothek hat er komplett der Uni Hannover und einem Kollegen überlassen. „Ich widme mich nun hauptberuflich meiner Poeterey, vorher habe ich nur für die Schublade geschrieben.“

Kleinschmidt versucht, seine Leser in ein ganzheitliches Gefüge einzubinden, „indem ich Räume erschaffe, in die sich der Rezipient mit seinen Gefühlen einbringen kann“.

Er sieht sich als dichtenden Anreger, der zum Nachdenken über das eigene Befinden, die Stellung in der Welt anstupst. Wo die postmoderne Lyrik bruchstückhaft, trümmerteilig, verstörend und mitunter sperrig bis unzugänglich ist, will er so etwas wie ein poetischer Reisebegleiter mit der Vorliebe zum Sonett sein.

Der dreifache Vater versucht sich auch im Poetry Slam

In unserer Rezension des Stationen-Bandes erkannte unser Kritiker in dieser Gedanken- und Erlebnislyrik eine gelegentliche „unruhig-unglückliche Innerlichkeit“. Kleinschmidt kann mit dieser Kritik gut leben. Was ihm mehr Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass Lyrik es kaum noch zwischen die Buchdeckel schafft. In Zeitschriften oder Foren finde diese Gattung heute hauptsächlich noch ihre Leser, meint Kleinschmidt, der für sich noch eine andere Form gefunden hat, seine Lyrik an den Mann zu bringen, die seiner Freude an der Vortragskunst entspricht: Poetry Slam! „Da lebt die Lyrik noch!“

BRAUNSCHWEIGER LÖWE

Der Braunschweiger Löwe

Da stehst du nun, erhöht, im Fluss der Zeit

ganz unbeirrt seit Hunderten von Jahren.

Dabei hast standhaft du getrotzt Gefahren,

wogegen diese Stadt war nicht gefeit.

Ihr Auf und Ab, der Menschen Freud’ und Leid

hast du gesehn, doch konntest dich bewahren

bei Übermaß und herrschsücht’gem Gebaren.

Nach Osten blickst du mit Beharrlichkeit.

Und ich? So viele hast du schon begleitet,

so viele endlos durch die Zeit geleitet!

Ein Ding, das stolz von Zeitlichkeit scheint frei!

Auch mich wirst du gewiss einst überdauern

und unverrückt bestehn in diesen Mauern.

Denn weiter streicht die Zeit an dir vorbei…

Im LOT-Theater war er bei einem Slam dabei, nachzusehen auf Youtube. Ein bisschen Bammel hatte er schon: „Mensch, werden die denken, da kommt einer, alt wie Methusalem“, feixt der dreifache Familienvater. „Aber es war okay.“

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