Klimbim mit Flüchtlingen

Braunschweig  „Apathisch für Anfänger“ im Staatstheater enttäuschte.

Ein ernstes Thema – verspielt. Denn die Frage des Umgangs mit Asylsuchenden, wie sie Jonas Hassen Khemiri anhand von Aufzeichnungen über einen realen Skandal in Schweden aufgreift, ist ja bedenkenswert. Da häuften sich Fälle von Apathie unter Flüchtlingskindern, und bis heute weiß keiner, ob sie krank wurden in der bedrückenden Situation, eine Abschiebung befürchten zu müssen, oder weil ihre Eltern sie manipulierten, um das Bleiberecht zu erzwingen.

Doch ein Stück, in dem man Sympathie fassen könnte mit den Betroffenen auf beiden Seiten, in dem Menschen ihre Beweggründe jeder Art ernsthaft vorbrächten und damit dem Publikum zur Diskussion stellten, hat Khemiri nicht vorgelegt. Also wieder mal Hörbuchtheater.

Der Ermittler wird heimgesucht von Stimmen aus der Vergangenheit, die nach Ansage Szenen vorspielen, die seine Konflikte beleuchten sollen. Denn seine Mutter war nach einer Karriere als engagierte Flüchtlingsheimleiterin jene Ministerin, die den Manipulationsverdacht und die Abschiebung verfocht.

Das wäre reichlich Stoff für eine spannende dialogische Psychostudie Sohn-Mutter, fokussiert am Flüchtlingsdrama, gewesen. Aber dramatisches und gar psychologisierendes Theater scheint ja Mangelware unter neueren Bühnenautoren. Vielleicht, weil Regisseure sowie schon längst keine Lust mehr darauf haben.

Ein ernstes Thema – verspielt. Denn Mina Salehpour zieht anhand der dünnen Textvorlage alle Register der Schauspielschuletüden. Da werden grausame Ereignisse mit Püppchen vorgespielt, man trinkt aus Turnschuhen mit Strohhalm und zum Stichwort, man hätte wohl einen Kater davongetragen, maunzt die Schauspielerin wie ein Kätzchen. Mancher Zuschauer lacht denn auch von Anfang bis Ende durch. Tja.

Das Bühnenbild von Jorge Enrique Caro mit dem bühnenhohen Aktenschrank, in dem Menschen zu Karteileichen werden, hätte auch der Rahmen einer ernsthafteren Spielweise sein können, mit gespensterhaften Stimmen, die den Ermittler heimsuchen und wirklich quälen. Hier scheint er eher in eine Polit-Revue verwickelt, in der die Schauspieler dem Affen Zucker geben dürfen – Klimbim statt Erkenntnis.

Wer weiß, ob Betroffenheitstheater tatsächlich so abgetakelt ist, wie viele Theaterleute heute offenbar meinen. Die bloße Ironie darüber bringt dem Thema aber schon gar nichts. Die Inszenierung parodiert die gerührten Stimmen alter Leute genauso wie die der zynischen Kritiker am Asylrecht. Die „böse Beamtin“ mit Pferdefuß kolportiert den grausamen Anerkennungswettstreit, in dem sich die Flüchtlinge in ihrem Leid übertreffen müssten.

Das diskreditiert die immerhin rührbare Meinung einfacher gutmütiger Leute ebenso wie die Gegenmeinung mit ihrem gleichfalls populistischen Potential. Und suggeriert damit eine Überlegenheit, wo die Unmöglichkeit, die Wahrheit zu finden und richtig zu entscheiden, erschrecken müsste. Und ein echter Dialog beginnen. Ein ernstes Thema – verspielt.

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