Die Tradition geht weiter

Braunschweig  Matthias Vorbrodt ist neuer Inhaber der wohl ältesten Geigenbauwerkstatt Deutschlands.

Die Geschichte begann 1844. Eine eigene Werkstatt! Violinen, Violen, Celli und Kontrabässe, gefertigt nach eigenen Modellen und unter Verwendung schönster Hölzer. Es ging bergauf mit Carl Rautmann.

Bald reparierte er die Bässe des Herzoglichen Theaters sowie die privaten Streichinstrumente der Hofkapelle. Eine Familientradition nahm ihren Lauf – fünf Generationen Geigenbau. Dann war auf einmal Schluss. Mit dem Tod von Elfi Rautmann ging 2008 eine Familienära zu Ende.

Doch seit gestern geht es weiter. Matthias Vorbrodt hat die Werkstatt wiederbelebt. Mit seiner Frau Susan setzt er fort, was die Rautmanns aufgebaut haben. „Ich freue mich sehr, dieses Traditionsunternehmen weiterführen zu dürfen“, sagt der neue Inhaber des Geschäfts an der Schöppenstedter Straße.

An zwei Nachmittagen in der Woche, mittwochs und freitags, wird er den Laden für die Kunden öffnen. Den Rest der Woche kümmert er sich um seine Werkstatt in Werningerode, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern lebt und „Geigendoktor“ genannt wird. So steht es auch auf dem Werkstatt-Wagen.

„Wir haben nach der Wende Klinken geputzt und dabei auch Elfi Rautmann kennen gelernt“, berichtet Vorbrodt. Über die Jahre habe sich zu ihr und ihrem Lebensgefährten Joseph Boasson eine herzliche Freundschaft entwickelt“, erklärt Vorbrodt. „Uns hat ihr recht plötzlicher Tod sehr bekümmert.“

Elfi Rautmanns Sohn war es schließlich, der Vorbrodt bat, das Geigenbau-Erbe seiner Mutter anzutreten. „Er wollte nicht, dass hier sowas wie ein Fitness-Center einzieht.“

RAUTMANN GEIGENBAU

1844: Eröffnung der Werkstatt durch Carl Rautmann (1818–1895). Es folgten Gustav Rautmann (1849–1917), Hermann Rautmann, (1853–1918), Karl Rautmann (1875–1934), Gustav Rautmann (1908–1979) und Elfi Rautmann (1939–2008)

1956: Eröffnung der neuen Werkstatt an der Schöppenstedter Straße, nachdem die alte 1944 ausgebombt worden war.

Juli 2013: Fortführung des Traditionsunternehmens durch Susan und Matthias Vorbrodt aus Wernigerode.

Vorbrodt ist Geigenbauer mit Herzblut. „Man hat ein Stück totes Holz und erweckt es zum Leben“, sagt er. Manche Geige habe bis zu 400 Jahre auf dem Buckel. Instrumente mit Geschichte. „Manchmal ist mein Mann auch ein bisschen Seelsorger“, sagt seine Frau lächelnd. Weil in den meisten Fällen mit einer alten Geige auch die Familiengeschichte auf den Tisch komme. Berichte etwa, wie hart sie sich vom Munde abgespart worden sei oder wie sie versteckt auf der Dachkammer den Krieg überstanden habe…

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