Willst du Krieg, weißer Mohr?

Bad Gandersheim  Shakespeares „Othello“ hatte Premiere bei den Gandersheimer Domfestspielen.

Der Kommando-Trupp entert in modernen Camouflage-Kampfanzügen die Bühne – mit Maschinenpistolen und zähnefletschenden Affenmasken. Und dringt in den altehrwürdigen Gandersheimer Dom ein, als wär’s ein feindliches Widerstandsnest. Als die Soldaten wieder herauskommen, triefen die Hände ihres Anführers vor Blut. Es ist Othello.

Shakespeares Tragödie vom dunkelhäutigen General, der zuerst den Feind besiegt und dann aufgrund einer fiesen Intrige seines Fähnrichs Jago aus Eifersucht seine Frau erwürgt, scheint nach Aktualisierung geradezu zu schreien. Schon bei der Braunschweiger Staatstheater-Inszenierung im vergangenen Jahr war das venezianische Kriegsvolk eine dekadent verrohte Söldnertruppe unserer Tage. Hier nun also auch.

Schauen wir weiter: Komandant Othello wendet sich ab vom Gemetzel. Reißt sich die Affenmaske vom Kopf. Überraschung: Shakespeares Mohr von Venedig ist ein weißer Mann mit Bart.

Fast wie eine mystische Erscheinung kommt nun eine junge Frau im schlichten roten Hängerkleidchen ihm entgegen, schmiegt sich an ihn, nimmt seine blutigen Hände in ihre unschuldig weißen. Das ist seine Frau Desdemona.

Das ist schön. Das ewig Weibliche, die Erlösung von Krieger-sein und Männerwahn. Eine Vision leider nur, eine Illusion naturgemäß.

Dann freilich entfaltet sich in der stark verknappten Inszenierung des Intendanten Christian Doll ein derbes Landsknechts-Szenario mit Foto-Posing, Sauferei, Schlägerei, Messerstecherei, Hurerei und einer bunten amerikanischen Animierdame namens Bianca, mit Songs und E-Gitarre. Die Politiker in weißen Hemden betrachten die Soldateska pikiert aus der Distanz.

Jago, den Mario Gremlich weniger als durchtriebenes Aas gibt denn als kerniges Frontschwein, treibt mit prolliger Verschlagenheit seinen General in die mörderische Eifersucht.

Da passiert Folgendes: Die junge Frau mit dem Kleidchen, bei Lea Wilkowsky ein liebes blasses Ding, steigt in einen Kampfanzug. Und als Othello ihr die berühmte Frage stellt, ob sie zur Nacht gebetet habe, weil er will, dass sie nun vor ihren Schöpfer tritt, da hat sie plötzlich eine Pistole in der Hand. Er nur ein Messer.

Showdown. Das ewig Weibliche hat die Vergeblichkeit alles Weiblichen in dieser Welt erkannt, mutiert zum Mann, knallt ihn ab, den heiß geliebten Feind in ihrem Bett... Wenn du Krieg willst, kriegst du Krieg...

Das wäre ja mal eine vielleicht arg plakative, aber doch immerhin respektlos schroffe Umdeutung des Shakespearschen Stoffes.

Passiert aber nicht. Er schlägt ihr die Knarre aus der Hand und erwürgt sie. Ende. Warum dann die ganze Knarren-Action?

Es bleibt der Eindruck einer Inszenierung, die durchaus eigensinnig daherkommt, aber interpretatorisch in Ansätzen stecken bleibt. Das Shakespearsche Motiv des Außenseiters, der von der Gesellschaft nur als kriegerischer Nothelfer, nicht aber als Zivilist in seiner Sehnsucht nach Glück akzeptiert wird, fällt weg. Dem durchaus engagiert und mit heutiger Emotionalität agierenden Othello-Darsteller Gunter Heun fehlt jegliche Fremdheit. Jago fehlen die diabolischen Abgründe. Desdemona glauben wir ihre Wandlung vom Liebchen zur Amazone leider nicht.

Immerhin, und das ist ja nicht wenig: Gelangweilt hat man sich nicht. Das Premieren-Publikum applaudierte stehend.

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