Vermessen, millimetergenau

STADTMITTE.Unübersehbar sind die Zahlen im Kunstschaufenster des Hallenbades. Eine Telefonnummer. Vielleicht, um das Programm zu erfahren, Karten zu bestellen, zu wissen, was das Lido serviert oder das Kulturzentrum demnächst plant. Alles ist falsch. Zahlen, Maße, Verhältnisse der Türen untereinander, ihres Abstandes zu den Seiten, zum Boden, des Raumes, der Position der Türklinken. Alles millimetergenau.

Das ist es, was Sebastian Körb in nüchterner Nachrichtensprache verliest, verrät und vermittelt. Nicht mehr und nicht weniger. „Es wäre vermessen, nicht die Wahrheit zu sagen“, kommentiert der Meisterschüler de Hochschule für Bildende Künste (HBK) zu Braunschweig seine Arbeit für das Hallenbad.

Es ist die 13. Ausstellung im Kunstschaufenster, in diesem langen, flachen Raum. Zum ersten Mal hat ein Künstler ihn vermessen, in allen Details und trägt die Ergebnisse in einer Endlosschleife auf einem an einstige Dictaphone erinnernden Platte vor – auf Anruf abhörbar. „Normalerweise wird Raum gesehen – hier wird Raum gehört und das Betreten des Raumes wird nur durch den Sound emöglicht“, erläutert Kuratorin Karin Kamolz das neue, öffentlich zugängliche Werk. Es ist eine zulässige Interpretation, da sich der Raum zwar den Augen von außen öffnet, aber durch die „Maße“, wie auch der Titel der Arbeit lautet, verändert zu einer imaginären Vorstellung in den Köpfen der Hörer.

Hören und Sehen trennen sich in zwei voneinander unabhängige Eindrücke, obgleich beides zugleich erfolgt. Sebastian Körb löst damit Assoziationen aus, die sich weit über den Raum erstrecken können, das Kunstschaufenster zu einem Ort des Nachdenkens über Maße, Zahlen und ihre Bedeutungen machen. Diese so nüchterne Nachricht, der sparsam mit Plattenspieler und Tisch, Tischlampe und Telefon auf einem Telefontischchen gestaltete, schmale Raum löst Fragen über die Authentizität der Zahlen aus.

Was sagen sie aus? Welchen Informationswert hat es, zu erfahren, dass die rechte Tür vier Millimeter näher zur rechten Seite eingelassen ist, als die linke zur linken Seite? Damit ironisiert Sebastian Körb die Zahlenwelt ähnlich wie es Antoine Saint-Exupéry im „Kleinen Prinzen“ tat. Das Werk hat etwas von der „arte povera“ und ist auch „arte ironica“.

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