Die gefallene Begabung

Packendes Doku-Drama über den Braunschweiger Maler Götz von Seckendorff

Jürgen Beck-Rebholz als schwärmerisches Maltalent.   

Jürgen Beck-Rebholz als schwärmerisches Maltalent.   

Foto: Holzgang

Das Ende kommt plötzlich und knallhart, nachdem sich der Abend zuletzt etwas gedehnt hatte. Der Erste Weltkrieg beginnt, der junge Maler Götz von Seckendorff wird eingezogen. Er, der ganz frei war vom Virus der Kriegshysterie. "Was für ein Wahnsinn", schreibt er seiner Mutter. Wenige Wochen später fällt er, 25 Jahre jung.

Der gebürtige Braunschweiger war ein großes Maltalent. Zeit, seine Anlagen zu vollenden, hatte er nicht. Über einen kleinen Kreis von Kennern hinaus blieb er unbekannt. Gilbert Holzgang, der Geschichte immer wieder anhand inszenierter Porträts Braunschweiger Persönlichkeiten greifbar macht, hat ihm jetzt ein theatrales Denkmal gesetzt.

Sein Doku-Drama "Welch ein Wahnsinn" im Braunschweiger Lindenhof, macht uns mit dem Oberschüler am Wilhelmgymnasium bekannt. Ein sensibler, etwas launischer Junge, der über die bleierne Schulatmosphäre lästert. Für ihn steht fest: Er will Maler werden.

Der Vater stirbt früh

Seine Mutter fördert ihn großzügig. Wir lernen sie kennen durch Briefe an den Sohn, die die Schauspielerin Annagerlinde Dodenhoff liest, mit feinem Unterton verständnisvoll-sorgender Mutterliebe.

Früh, mit 26 Jahren, verliert die großbürgerliche Therese Freifrau von Seckendorff ihren Mann durch einen Reitunfall und zieht ihre drei Kinder alleine auf. Götz, dem mittleren, ist sie besonders zugetan.

Sie vermittelt ihm einen Aufenthalt bei Fritz Mackensen in Worpswede, der ihm Talent attestiert. Nach dem Abitur drängt Therese Götz zur Aufnahmeprüfung an der Münchener Kunstakademie, bei der er durchfällt. Er ist zugleich enttäuscht und erleichtert. 1909 schreibt er sich an der neuen Akademie der Impressionisten in Paris ein, enthusiastisch – doch nach einem halben Jahr ist sie ihm schon wieder über. Er reist weiter nach Spanien, Holland, Italien, malt, studiert, lebt.

Jürgen Beck-Rebholz verkörpert den jungen Künstler schlüssig und sensibel zwischen Überschwang und Selbstzweifeln, als Lebemann und schwärmerischen Intellektuellen. Als unaufdringlicher Stichwortgeber fungiert Hans Stallmach, der Seckendorffs zumeist an die Mutter gerichteten Briefe anliest, bis Beck-Rebholz sie spielend fortführt.

Parallel dazu werden Seckendorffs Arbeiten auf eine Leinwand projiziert. Portäts wie von Toulouse-Lautrec oder Beckmann, Landschaften wie von Kirchner, immer gekonnter und eigenständiger hingeworfen.

"Tötender Stumpfsinn"

1911 wird Seckendorff zum Dragonerregiment nach Schwedt einberufen. Widerwillig leistet er den "tötend stumpfsinnigen" Dienst. Nebenher reüssiert er allmählich als Maler. Nach dem Militärjahr mehren sich die Aufträge, Seckendorff heiratet, genießt das Landleben bei Berlin, malt, malt, malt – bis plötzlich der Erste Weltkrieg ausbricht.

Gute zwei Stunden hat man den jungen Künstler zu diesem Zeitpunkt kennengelernt, durch einen lebendig inszenierten, auch literarisch ansprechenden Briefwechsel. Etwas zu gut, denn Seckendorffs Wesen spricht sich schon früh aus, einige Passagen des Abends wirken redundant. Dennoch – eine dokumentarische Begegnung, die lohnt.

Fasziniert von den Bildern zeigte sich nach der Aufführung Rainer Jaeger, Kunstlehrer am Wilhelmgymnasium, in dem bisher nichts, schon gar kein Bild, an Seckendorff erinnert, wie er sagt. Er will das ändern.

Vorstellungen 13. bis 15. und 19. bis 22. März, 19.30 Uhr, im Lindenhof Braunschweig. Karten: (0531) 79 83 98.

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