Lieber sähen wir das Gute siegen!

Stimmungsstark, aber mit pessimistischem Schluss – Mozarts unvollendete Oper "Zaide" in Wolfenbüttel

Simone Lichtenstein (Zaide) mit Malte Roesner (Allazim) und Simon Bode (Gomatz).   

Simone Lichtenstein (Zaide) mit Malte Roesner (Allazim) und Simon Bode (Gomatz).   

Foto: Ammerpohl

Im Land herrscht Reformstau. Verordnungen und Papiere stapeln sich, die Sklaven Gomatz und Zaide räumen sie haufenweise von einer Ecke in die andere. Minister Allazim ordnet sie säuberlich ins Regal: jedes Gesetz, das er dem Sultan Soliman abringt, ist ein Stück Fortschritt in seinem aufklärerischen Menschheitstraum von Freiheit und Selbstbestimmung.

Für den dicken Sklaventreiber Osmin ist all das Müll, den er am liebsten aufspießen würde, wie jene großen Lanzen es tun, die bedrohlich von den Wänden des Wolfenbütteler Schlosshofes ragen: ein Staat als Gefängnis.

Carolin Roiders Bühnenbild für die Freiluft-Fassung des Staatstheaters von Mozarts unvollendeter Oper "Zaide" ist sinnfällig und stimmungsstark. Sie hat der Handlung am Sultanshof im Zuschnitt der papierknittrigen Kostüme zugleich den orientalischen Charakter bewahrt.

Der Ruf nach Reformen ist ja so alt wie die Welt, ebenso der Drang zur Freiheit, den man der eigenen Trägheit und Selbstgenügsamkeit abringen muss. Regisseurin Rebekka Stanzel hat sich da ein realistisches, dadurch freilich auch eher deprimierendes Ende ausgedacht, denn Mozart hinterließ keinen Schluss.

Nach dem gescheiterten Fluchtversuch wird das Sklavenpaar "begnadigt", es kehrt ohne große Klagen zurück in die Fron. Der Idealist Allazim aber, der eigentlich Gefährliche, weil er für der Menschheit Stimme stritt, wird umgebracht. Womöglich schätzt Stanzel das richtig ein, aber im Theater, in der Oper, sähe man so gern, wie das Schöne, Wahre, Gute siegt. Ob Freimaurer Mozart, der solche Aufklärerrhetorik in der "Entführung aus dem Serail" und der "Zauberflöte" zum Erfolg führte, in so jungen Jahren wirklich schon so bitter geschlossen hätte?

Rebekka Stanzel lässt die Handlung ansonsten solide spielen, etwas zu viel wird mit einem Schal ge- und entfesselt. Die eingefügten Zwischenspiele aus Mozarts Schauspielmusik "Thamos" bringen allerdings bloß pantomimische Längung, keine Erhellung. Die ergänzten Dialoge sind karg.

Sebastian Beckedorf verbindet mit dem Staatsorchester die dunkleren Betrachtungen des "Thamos" mit den teils wunderschönen Arien der "Zaide". Trotz gelegentlicher Intonationstrübungen bei den Streichern schafft er ein insgesamt lichtes Klangbild.

Mit herrlich höhenstrahlendem Sopran gestaltet Carmen Fuggiss die Zaide-Arien, besonders anrührend das vom Himmel schwebende "Ruhe sanft, mein holdes Leben". Sie sprang als Sängerin ein, während Simone Lichtenstein an diesem Abend die Partie nur spielen kann und dabei mit schauspielerischer Feinheit mal den Gomatz ermutigt, mal sich vom Sultan beschämen lässt.

Steffen Doberauer singt diesen mit weichem, schmelzendem Tenor. Auch Simon Bode als Gomatz zeigt schönes Tenormaterial, aber manche Töne entgleiten ihm. Im Spiel überzeugt er ebenso wie Malte Roesner als Allazim, dem besonders die erste, eher baritonale Arie mit warmem, fülligem Ton gelingt. Leszek Wos ergänzt mit typischem Spielbass und Buffomimik als Osmin. Viel Applaus für eine diskussionswürdige "Zaide"-Fassung.

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