Meer und Küste, Grau in Grau

Hermann Buß’ Küstenbilder entfalten ihren Sog rund um Braunschweigs Eiermarkt

Hermann Buß mit seinen Bildern in der Jakobs-Kemenate.   

Hermann Buß mit seinen Bildern in der Jakobs-Kemenate.   

Foto: Flentje

Die große Einsamkeit am Meer. Man riecht den Tang, spürt das Brackwasser und wartet vergeblich auf die Sonne. Grau herrscht bis über den Horizont.

Hermann Buß ist in diesem Land geboren und lebt in Norden. Er ist zur See gefahren, hat in Oldenburg Kunst studiert und sich ganz dem Treibgut an der Küste verschrieben. Seine Augen sind wach, sein Mund lächelt, sein Haar kräuselt sich nebelfeucht.

Er ist der Schöpfer dieser Wasserwelten, die der Galerist Jochen Prüße nach Braunschweig geholt hat, um sie gleich an vier Orten zur Diskussion zu stellen. "Tide" heißt die große Schau, die in der Martinikirche beginnt, über das Amtsgericht bis zur Kemenate und zur Synagoge führt, begleitet von Großdrucken, die schon außen den Gebäuden einen Stempel aufdrücken.

Tide. Das kann in diesem Fall das Auf und Ab des Lebensweges sein, denn neben der Unendlichkeit des Meeres sind es Spuren des Menschen im Schnee, auf regennasser Straße, am einsamen Pier, die den Tiefenraum der Bilder bestimmen. Es gibt den einsamen Mann, der das harte Leben in der leeren Kulturlandschaft verkörpert, es gibt zerborstene Steinplatten, totes Geäst. Schafe tauchen auf und warten schicksalsergeben auf die Verladung, bevor die Flut kommt.

Einmal malt Buß sich selbst, verbittert vor einem Schiffswrack. Überall "gescheiterte Hoffnung", aber ohne die religiöse Sehnsucht des Caspar David Friedrich oder die Vorahnung einer Katastrophe von Richard Oelze, stattdessen mit der Nüchternheit der Gegenwart. Dazu gehören Bilder wie "Stilles Land geordnet". Linien und Poller markieren das nasse Terrain.

Hermann Buß ist ein Realist. Sein sachlicher Blick verdichtet Gesehenes und Erlebtes zur Essenz der Realität, in der sich Tatsache und Traum, Nüchternheit und Hingabe verbinden. Er malt subtil. Das Grau ist seine Farbe. In meditativer Geduld entlockt er ihm feinste Nuancen, tilgt äußerlich jede persönliche Gemütserregung, bis die Malfläche so fein gewaschen erscheint, als hätte der norddeutsche Regen geholfen.

"Ich vermittele keine Botschaft. Malen ist Nachdenken über die Welt. Mein Bildverständnis hat nur mit mir zu tun", sagt der 57-Jährige und überlässt es dem Betrachter, die Motive als Fenster zu betrachten, die sich eigenen Erfahrungen und Interpretationen öffnen.

Von Ostermontag bis 11. Mai in Martinikirche, Jakobs-Kemenate, Jüdischer Gemeinde und Amtsgericht.

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