Schöninger Forscher taufen Skelett-Fund auf den Namen „Nelly“

Schöningen.  Die Knochen der Waldelefanten-Kuh sind 300.000 Jahre alt. Das Tier war etwa 50 Jahre alt und wog 6,8 Tonnen. Es starb eines natürlichen Todes.

Grabungsleiter Dr. Jordi Serangeli (links) vom Senckenberg-Zentrum für menschliche Evolution und Paläoumwelt der Universität Tübingen und Doktorand Ivo Verheijen begutachtendas fast vollständige Skelett eines weiblichen eurasischen Waldelefanten auf der Grabungsstelle in Schöningen.   

Grabungsleiter Dr. Jordi Serangeli (links) vom Senckenberg-Zentrum für menschliche Evolution und Paläoumwelt der Universität Tübingen und Doktorand Ivo Verheijen begutachtendas fast vollständige Skelett eines weiblichen eurasischen Waldelefanten auf der Grabungsstelle in Schöningen.   

Foto: Markus Brich

Die Schatzkiste der Altsteinzeit am Rande des Tagebaus im niedersächsischen Schöningen hat ein weiteres Juwel preisgegeben: das fast vollständige Skelett eines weiblichen eurasischen Waldelefanten. „Der Fund besteht unter anderem aus den 2,3 Meterlangen Stoßzähnen, dem Unterkiefer, zahlreichen Wirbeln und Rippen sowie Knochen von drei Beinen und allen fünf Zungenbeinen“, erläutert Grabungsleiter Dr. Jordi Serangeli. „Insgesamt haben wir rund 700 Kochenfragmente geborgen“, berichtet der Wissenschaftler vom Senckenberg-Zentrum für menschliche Evolution und Paläoumwelt der Universität Tübingen.

Rund 300.000 Jahre lagen sie verborgen unter einer ursprünglich etwa zwölf 12 Meter hohen Erdschicht, bevor sie im September 2017 von Neil Haycock, einem langjährigen Mitarbeiter der erfahrenen sechsköpfigen Grabungsmannschaft, entdeckt worden waren. „Nelly“, so haben die Archäologen ihren Fund in Anlehnung an ihren Entdecker getauft, war eine etwa 50 Jahre alte, 6,8 Tonnen schwere Elefantenkuh. „Das Tier hatte eine Schulterhöhe von etwa 3,2 Metern und war somit größer als heutige afrikanische Elefantenkühe“, erklärt Archäozoologe Ivo Verheijen.

„Ein vergleichbar komplettes und so gut erhaltenes Knochengerüst wurde in Deutschland noch nicht gefunden“, ordnet Archäologe Serangeli die Entdeckung ein. Die Sicherung und Bergung des gesamten Skeletts beanspruchte rund 21 Monate. Anschließend untersuchten und analysierten Forscher des Senckenberg-Zentrums die Relikte in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD).

Schöninger Forscher finden 300.000 Jahre alten Waldelefanten
Schöninger Forscher finden 300.000 Jahre alten Waldelefanten

Am Dienstag präsentierten Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU), NLD-Präsidentin Christina Krafczyk gemeinsam mit dem Leiter des Senckenberg-Forschungsprojekts in Schöningen, Professor Nicholas Conard, und dem per Video zugeschalteten Senckenberg-Generaldirektor, Professor Volker Moosbrugger, die Forschungsergebnisse. Die Pressekonferenz fand im unmittelbar an der Grabungsstelle gelegenen Forschungsmuseum Schöningen statt. Die als „Paläon“ bekannte Einrichtung beherbergt in ihrer Dauerausstellung unter anderem auch die weltweit einzigartigen „Schöninger Speere“. Diese ältesten Jagdwaffen der Menschheitsgeschichte waren 1994 im Schöninger Braunkohletagebau bei Baggerarbeiten gefunden worden.

„Der Fund des fastvollständig erhaltenen Skeletts zusammen mit den Spuren hier lebender und jagender Frühmenschen unterstreicht einmal mehr, um welch spannenden und wissenschaftlich bedeutenden Fundort es sich handelt“, sagt Wissenschaftsminister Björn Thümler. „Der ehemalige Tagebau Schöningen ist ein Klimaarchiv ersten Ranges, das uns in einzigartiger Weise vorführt, wie sich Klimaschwankungen auswirken.“ Diesen Aspekt will er im Forschungsmuseum Schöningen künftig noch deutlicher herausarbeiteten lassen. Es solle ein Ort werden, an dem nachverfolgt werden könne, wie der Mensch vom Naturbegleiter zum Kulturgestalter wurde.“ Erst vor wenigen Wochen hatte eine Studie zu einem in Schöningen entdeckten 300.000 Jahre alten Wurfstock international Aufmerksamkeit erregt (wir berichteten).

Vor 300.000 Jahren war das Gebiet des heutigen Schöningen eine Landschaft an einem rund eineinhalb Kilometer langen und 300 Meter breiten See. Dort lebte der Frühmensch Homo heidelbergensis in einer gemäßigten Temperaturphase zwischen zwei Eiszeiten. „Die aktive Jagd auf Waldelefanten, die damals zu Tausenden die Region bevölkerten, wird er nicht betrieben haben“, ist Archäologe Serangeli nicht erst nach Auswertung des aktuellen Skelettfundes überzeugt. „Warum hätte er das Risiko eingehen sollen, den Kampf mit einem so gigantischen Gegner zu suchen? Die Gefahr, sich zu verletzen und daran zu sterben, wäre viel zu groß gewesen.“ Wildpferde, Auerochsen, Vögel – das belegen die vielen bisherigen Funde der Schöninger Grabungsstelle – gab es am See genug, waren für die Jagd mit Wurfhölzern und Holzspeeren die leichtere Beute.

Doch das Fleisch eines toten Waldelefanten haben die Menschen der Altsteinzeit nicht verschmäht. Serangeli geht davon aus, dass am Seeufer verendete Dickhäuter für sie eine willkommene Ergänzung der Speisekarte waren. „Wenn sie so ein Tier entdeckt hatten, mussten sie nur hingehen und sich nehmen, was sie brauchten.“ Selbst das war nicht ungefährlich. Schließlich gab es mit Raubtieren wie der Säbelzahnkatze gefährliche Konkurrenten um die Nahrungsquellen. Die These publiziert Serangeli gemeinsam mit seinen Wissenschaftskollegen Ivo Verheijen, Bárbara Rodríguez Álvarez, Flavio Altamura, Jens Lehmann und Nicholas J. Conard auch in der aktuelle Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift „Archäologie in Deutschland“.

„Elefanten halten sich oft am und im Wasser auf, wenn sie krank oder alt sind“, weiß Archäozoologe Verheijen. Bisspuren auf den gefundenen Knochen würden belegen, dass sich Raubtiere an Nellys Kadaver bedienten. Ebenso wie die damaligen Menschen: Dies beweisen etwa 30 winzige Absplitterungen von Feuersteinen, die das Team im Umkreis und zwischen den Elefantenknochen fand. Zudem stieß es auf zwei Langknochen einer anderen Tierart, die den Spuren nach zu urteilen, als Werkzeuge genutzt wurden. „Die Steinzeitjäger schnitten vermutlich Fleisch, Sehnen und Fett aus dem Kadaver“, vermutet Serangeli.

Dass am Schöninger See zahlreiche Artgenossen des Elefanten unterwegs waren, beweisen zudem Fußabdrücke, die rund 100 Meter von der Grabungsstelle entfernt dokumentiert werden konnten. Ein bisher einmaliger Fund in Deutschland, wie Flavio Altamura von der Universitá Sapienza in Rom erläutert, der die Spuren analysierte.

Die Knochen der Elefantenkuh und die Steinabsplisse werden jetzt von Ivo Verheijen und Bárbara Rodríguez Álvarez, Doktoranden im Forschungsprojekt Schöningen, untersucht und von Anna-Laura Krogmeier im Forschungsmuseum Schöningen restauriert. Dort können Besucher die Funde bereits jetzt besichtigen. NLD-Präsidentin Christina Krafczyk kündigte für 2022 eine große Ausstellung mit Fokus auf Waldelefanten an.

In einem Video hat das Senckenberg-Zentrum die Ausgrabungsarbeiten dokumentiert.

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