So geht es zu hinter Helmstedts Corona-Zaun

Helmstedt.  Doppelter Brennpunkt Dammgarten in Helmstedt: Sozial sowieso, nun auch medial. Der Corona-Zaun um zwei Wohnblöcke sorgt für Schlagzeilen.

Torsten Schimmeyer vom Corona-Krisenstab des Landkreises sammelte am Freitagnachmittag Einkaufslisten von Bewohnern der beiden Quarantäne-Wohnblöcke ein. 

Torsten Schimmeyer vom Corona-Krisenstab des Landkreises sammelte am Freitagnachmittag Einkaufslisten von Bewohnern der beiden Quarantäne-Wohnblöcke ein. 

Foto: Erik Beyen

Nachdem auch Fernsehsender über die drastische Quarantänemaßnahme des Landkreises für rund 100 Bewohner der beiden Blöcke berichtet haben, genießt das Wohnquartier große Aufmerksamkeit. Gut so, werden viele der Nachbarn denken, die sich seit Jahren über die Zustände beschweren: Matratzen, Sofas und sonstiger Sperrmüll liegen unter freiem Himmel rund um die beiden Blöcke, zahlreiche Einkaufswagen eines nahen Discounters scheinen dauerhaft geparkt zu sein vor den Hauseingängen.

Von einer Integration der fast ausschließlich aus Bulgarien stammenden Bewohnerschaft kann keine Rede sein. „Hier hat sich innerhalb einiger Jahre eine Entwicklung vollzogen, die Integrationsarbeit schwer macht“, sagt Landrat Gerhard Radeck. „Es gibt einen starken Zusammenhalt unter diesen Menschen, sie führen ein Leben, wie sie es von zu Hause kennen.“ Das sei ihnen nicht zu verübeln. Sprachkenntnisse in Deutsch seien eher Mangelware, was den Dialog nicht leichter mache. Dass jetzt kurzzeitig die Scheinwerfer der Medien auf das Problemquartier gerichtet seien, könne helfen, neue Anläufe zur Verbesserung der Situation zu unternehmen. Der Handlungsbedarf ist offensichtlich.

So ist die Lage am Dammgarten

Ich machte mir am Freitagvormittag und am frühen Nachmittag ein Bild von der Lage im Dammgarten. Bewohner der beiden umzäunten Blöcke – eine private Hochzeitsfeier dort ist mutmaßlich die Ursache gewesen für bislang 16-Corona-Infizierte – kommen hin und wieder an den Zaun und sprechen mit den Security-Männern, die das Areal rund um die Uhr bewachen. Alles auf friedliche, manchmal sogar freundliche Weise.

Eine Frau spitzt ihre Lippen und gibt zu verstehen, dass sie einen Schnuller für ihr Baby benötigt. Der Wachmann verweist verständnisvoll auf das DRK, das solche Besorgungen für die Bewohner während der 14-tägigen Quarantäne mache. Kurz darauf reicht er einen Karton mit Lebensmitteln über den Zaun, den jemand für eine Familie abgegeben hat. Unter der Oberfläche der behördlich verordneten Strenge bleibt Raum für menschliche Gesten. Ich empfinde das als angemessen und richtig. Aber klar, die Hass-Kundschaft auf Facebook wird das anders kommentieren.

Aus Gefahr vor Ansteckungen gibt es keine gezielte Postzustellung

Dann tauchen einige Frauen auf, für die garstige Kälte an diesem Tag zu dünn bekleidet, und kramen jenseits des Zaunes in den gelben Plastikboxen, die die Post laut Wachdienst angeliefert hat. Eine gezielte Zustellung scheint es nicht zu geben. Ansteckungsgefahr. Also wühlen die Bewohner abwechselnd und sehr geduldig in den Bergen von Briefpost, bis jeder das gefunden hat, was an ihn adressiert ist. Wie wohl die Reaktion in Wohnblöcken außerhalb dieses Problemquartiers wäre, würde man private Post auf diese Weise „zur Verteilung“ bringen?

Ein Wachmann erzählt mir, dass die Lage auf dem Gelände seit Tagen ruhig sei. Am Anfang, als der Zaun errichtet wurde, sei das anders gewesen. Landrat Radeck bestätigt mir später am Telefon, dass Bewohner sich aus dem Staub gemacht hätten, vermutlich, um Einkäufe zu tätigen. „Ich will nicht ausschließen, dass es jemand jetzt noch schafft, durch den Zaun zu schlüpfen, trotz des Wachdienstes“, räumt er ein.

Gegen 16 Uhr erscheinen drei Mitglieder des Corona-Krisenstabes am Zaun - ich erfahre davon im Nachhinein. Sie sprechen ausführlich mit einigen der Bewohner, hören sich ihre Wünsche und Nöte an. Das passiere regelmäßig, lässt mich ein Beobachter am Abend wissen. Nun sage ich: Gut so!

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