Moorleiche „Moora“ im Schöninger Forschungsmuseum

Schöningen.  Das 16 Jahre alte Mädchen starb vor etwa 2650 Jahren. Nicht nur ihre Geheimnisse gibt die neue Sonderausstellung „Bodenschätze 2.0“ im Paläon preis.

Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann (links) verrät Besuchern, wie die Wissenschaft die Geheimnisse der 2650 Jahre alten Moorleiche "Moora" gelüftet hat.

Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann (links) verrät Besuchern, wie die Wissenschaft die Geheimnisse der 2650 Jahre alten Moorleiche "Moora" gelüftet hat.

Foto: Markus Brich

Die rund 2650 Jahre alte Moorleiche „Moora“ ist im Forschungsmuseum Schöningen zu sehen. „Das etwa 16 Jahre alte Mädchen kam im Uchter Moor vermutlich vom Weg ab und ertrank“, sagt Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann über das Schicksal der jungen Frau. Ihre Überreste waren in den Jahren 2000 und 2005 in dem niedersächsischen Torfabbaugebiet entdeckt worden.

Der einzigartige Fund, der auch das Landeskriminalamt, Staatsanwaltschaft und Gerichtsmediziner in Atem hielt, ist eines von vielen neuen Exponaten, mit denen das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege die aktuelle Sonderausstellung im Paläon erneuert hat. „Bodenschätze 2.0 – Geschichten aus dem Untergrund“ heißt sie nun und ist bis zum 2. Februar im Forschungsmuseum zu sehen.

Ermittler gingen von einem Gewaltverbrechen aus

Die Gebeine von „Moora“ hatten Ermittler zunächst mit einem Gewaltverbrechen der 1960er Jahre in Verbindung gebracht. Erst viereinhalb Jahre später, nach dem auch die mumifizierte Hand des Mädchens entdeckt worden war, gelang es Wissenschaftlern in aufwendigen Untersuchungen, den Todeszeitpunkt der Jugendlichen auf etwa 650 Jahre vor Christus zu datieren. Archäologen, Rechtsmediziner, Radiologen, Anthropologen, Paläopathologen, Zahnmediziner, Chemiker, Geowissenschaftler, Paläobotaniker und Kriminalisten rekonstruierten in der Folge nicht nur akribisch das Lebensumfeld der jungen Frau, in aufwendigen 3D-Verfahren gelang es auch, der Verstorbenen ein Gesicht zu geben.

Einen Eindruck vom letzten Weg, zu dem „Moora“ einst vermutlich aufbrach, vermittelt in der Sonderausstellung ein Stück der Original-Holzkonstruktion eines Moorweges, den Archäologen im Aschener Moor bei Diepholz freilegten. „Der Bohlenpfad dort, am dem auch aktuell noch Grabungen stattfinden, ist etwa sechs Kilometer lang“, erläutert Haßmann.

Aus dem Rammelsberg im Harz stammt ein weiterer „Bodenschatz“, der für die bisher einmalige Präsentation außergewöhnlicher archäologischer Fundstücke in Schöningen zusammengetragen wurde: die Arbeitshose eines Bergmanns aus dem Mittelalter. „Sie wurde bei der Freilegung eines Stollens entdeckt und ließ die Herzen von Textilforschern höher schlagen“, weiß Haßmann. „Denn die meisten Textilien aus dem Mittelalter sind sorgsam aufbewahrte Kleidungsstücke von Adligen. Die Hose des Bergmanns hingegen ist echte Arbeitskleidung, Stoffreste aus solch stabilem Gewebe finden wir sonst nicht. Überdauern konnte sie nur, weil der Boden durch den Abbau der Schwermetalle so stark kontaminiert war, dass einfach nichts verrottete.“

Laie spürt Kupferschatz aus der Jungsteinzeit auf

Ein Kupferschatz aus der Jungsteinzeit ist das aus wissenschaftlicher Sicht spektakulärste Exponat der Sonderschau. Auch er steht für eine unglaubliche „Geschichte aus dem Untergrund“, von denen auch viele weitere Exponate zeugen. Die kupfernen Schmuckanhänger in Form von Sicheln samt einer Beilklinge waren von einem ehrenamtlichen, geschulten Metalldetektor-Sammler entdeckt worden, der im Auftrag der Kreisarchäologie Osnabrück unterwegs war. „Der Fund stammt aus etwa der gleichen Zeit, als die Helmstedter Lübbensteine errichtet wurden. Etwa 3500 Jahre vor Christus“, sagt der Landesarchäologe. „Eigentlich gab es zu dieser Zeit kein Metall in Deutschland. Analysen des Metalls der Axt lassen darauf schließen, dass sie in Zentralasien gefertigt wurde.“ Zum Glück der Wissenschaft, so Haßmann, sei der ehrenamtliche Detektorgänger archäologisch geschult gewesen. „Nur deshalb konnte der Fund mit einer archäologisch-vernünftigen Blockbergung geborgen und gesichert werden.“

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