Helmstedter Schüler sprechen über Sehnsucht nach Vergangenheit

Helmstedt.  Bei den Helmstedter Schüler-Universitätstagen halten Gymnasiasten im coronabedingt spärlich besetzten Juleum Vorträge.

Schülerin Viktoria Viedt vom Gymnasium Julianum referiert zum Thema „Psychische Krankheiten – vom Schreckgespenst der Weimarer Zeit bis hin zur Romantisierung in der Moderne“.

Schülerin Viktoria Viedt vom Gymnasium Julianum referiert zum Thema „Psychische Krankheiten – vom Schreckgespenst der Weimarer Zeit bis hin zur Romantisierung in der Moderne“.

Foto: Dirk Fochler

„Sehnsucht nach Vergangenheit“ – so lautet in diesem Jahr das Thema der Helmstedter Universitätstage. Schüler haben dabei seit 14 Jahren einen eigenen Veranstaltungstag, am Donnerstag beleuchteten Schüler des Gymnasiums am Bötschenberg und Gymnasiasten des Julianum das Thema aus ihrer Sicht, auf ihre Art.

Die Gymnasiasten ließen auch bei den diesjährigen Schüler-Universitätstagen im diesmal coronabedingt nur spärlich besetzten Juleum inhaltlich den Blick weit schweifen, um sich der „Sehnsucht nach Vergangenheit“ zu nähern, das Thema zu beleuchten und vor allem auch kritisch zu hinterfragen. „Alle Vorträge waren sehr gut strukturiert und interessant, aber auch stets mit gesellschaftskritischen Anmerkungen versehen. Das hat mich stark beeindruckt", stellte der Helmstedter Bürgermeister Wittich Schobert abschließend fest.

Blick in die Vergangenheit oft auch ein bisschen getrübt

Dass der Blick in die Vergangenheit oft auch ein bisschen getrübt ist und frühere Zeiten gern positiv verklärt dargestellt werden gemäß des häufig zu hörenden Ausspruchs „früher war alles besser“, das stellten die Vortragenden ein ums andere Mal zumindest in Frage.

So stellte Luisa Marcinkowski dar, dass sich die Vergangenheit durch Sprache und Identitätspflege wohl bewahren lässt, aber beides eben auch stetigen Veränderungen ausgesetzt ist.

Helmstedter Schüler spüren auch Erfolgsgeschichten nach

Dem Phänomen „Sehnsucht nach Vergangenheit“ versuchen auch immer wieder gern Filmemacher nachzuspüren. Gerade vermeintliche Erfolgsgeschichten wie beispielsweise die der Berliner Charité, als Pesthaus im Jahr 1710 gegründet und heute ein weltbekanntes Universitätsklinikum, eignen sich dafür bestens.

Aber was für eine Geschichte wurde den Fernsehzuschauern in „Charité“ eigentlich erzählt? Juliana Bartel gab in ihrem Vortrag „Charité – Fernsehdrama oder Geschichtsdokumentation?“ die Antwort. „Im Grunde bietet die Serie einen realistischen Blick auf die Charité in der Zeit um 1900“, bilanzierte Juliana Bartel. Einige zeitliche Abläufe zu Geschehnissen um die Protagonisten seien nicht korrekt wiedergegeben worden, wohl aus dramaturgischen Erwägungen heraus. „Manches wird auch sehr vereinfacht dargestellt. So beschäftigte sich Robert Koch eben nicht nur mit der Krankheit Tuberkulose, wie im Film erzählt. Robert Koch war ein vielseitiger Mediziner und Forscher“, berichtete Juliana Bartel.

Blick zurück wird genutzt, um aktuelle Geschehnisse zu erklären

Gern wird der Blick zurück auch genutzt, um aktuelle Geschehnisse zu erklären, deren Dimension zu verdeutlichen. Doch ist beispielsweise der Vergleich zwischen der Flüchtlingskrise 2015 und den Völkerwanderungen germanischer Stämme in der Spätantike statthaft? „Es gibt deutlich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Insbesondere die Tatsache, dass 2015 sich die Menschen eher individuell auf den Weg machten, die Germanen aber tatsächlich in großen Gruppen und Stämmen in Teile des damaligen römischen Reiches eindrangen und dort für regelrechte Verwerfungen in den gesellschaftlichen Strukturen sorgten, macht den Unterschied aus“, urteilte Vanessa Kühne in ihrem Vortrag.

Viele Parallelen zwischen Pest und Corona sahen Mateusz Bojda und Ben Schmidt – allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Die Folgen der Pest waren deutlich härter: 75 Prozent der Infizierten starben, die Wirtschaft in den jeweils betroffenen Gebieten brach komplett zusammen.

Schülerin beklagt fehlende Akzeptanz gegenüber psychischen Krankheiten

Viktoria Viedt nutzte den Blick in die Vergangenheit, um aufzurütteln, um die auch heute noch fehlende Akzeptanz und die anhaltende Hilflosigkeit vieler Menschen gegenüber psychischen Krankheiten und die Stigmatisierung der Betroffenen darzustellen. Bewegte Bilder von Kriegstraumatisierten mit der sogenannten Zitterkrankheit gingen ans Gemüt. Viktoria Viedt berichtete zwar von zunehmenden Bemühungen – auch in den Medien – für mehr Verständnis und Hilfe zu sorgen, aber eben auch von wenig hilfreichen, romantisierenden Versuchen. „Es ist ein schwieriges Feld, Betroffene bekommen eine Stimme. Die Gefahr von Fehlinterpretationen vermeintlicher Ratschläge ist aber groß“, stellte Viktoria Viedt fest.

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