"Das zerrissene Dorf" - Bürger aus Zicherie-Böckwitz suchen Einheit

Das Leserfoto zeigt einen Wachturm bei Sonnenuntergang am Tag, als die Grenze zwischen den Dörfern Zicherie und Böckwitz geöffnet wurde.

Das Leserfoto zeigt einen Wachturm bei Sonnenuntergang am Tag, als die Grenze zwischen den Dörfern Zicherie und Böckwitz geöffnet wurde.

Foto: Archivfoto: privat

Eine Hochzeitsgesellschaft vor dem Stacheldrahtzaun, dahinter im Osten die weinende Mutter der Braut: Die Szene aus den 50er Jahren findet sich auf einem Foto im Museum des sogenannten Doppeldorfes Zicherie-Böckwitz bei Wolfsburg. „Bei den Älteren hat die Grenze Traumata hinterlassen wie der Nationalsozialismus“, sagt Landwirt Ulrich Lange. Als Präsident des gemeinsamen Schützenvereins versucht er, die Bewohner der Dörfer, die bis 1945 wirtschaftlich und kulturell eine Gemeinde bildeten, wieder zusammenzubringen.

Auf der etwa 100 Meter langen Straße zwischen den Dörfern wurde ab 1952 die innerdeutsche Grenze errichtet: zunächst mit einem Bretterzaun, dann mit einer Mauer. „Das zerissene Dorf“ ist ein Zeitungsartikel in einer Museumsvitrine überschrieben. Heute ist der Schützenverein der einzige, der das 300 Einwohner zählende Zicherie und das östliche Böckwitz mit 150 Bürgern verbinden soll. Doch das sei schwierig, sagt Lange. „Die jungen Menschen interessieren sich für die alten Vereinstraditionen nicht mehr.“

Der 47-Jährige erinnert sich noch gut an den Mauerfall am 18. November 1989. Da sah er die unbekannten Nachbarn aus dem Osten zum ersten Mal: „Sie waren mir so fremd wie Marsmenschen.“ Seitdem engagiert er sich im Verein und mit Schulklassenführungen dafür, dass die Schrecken der Teilung nicht ins Vergessen geraten. „So schön, wie manche die DDR und die Grenze beschreiben, war das nicht.“ So wurde 1961 in der Nähe der beiden Dörfer der Journalist Kurt Lichtenstein erschossen. Er war das erste Todesopfer an der deutsch-deutschen Grenze nach dem Mauerbau.

Heute verläuft zwischen Zicherie und Böckwitz nur die Grenze zweier Bundesländer. Doch die Kinder gehen immer noch in getrennte Schulen, die Feuerwehr darf nur auf ihrer Seite löschen, und sonntags feiern die Christen in ihren je eigenen Kirchen Gottesdienst. Auch der Schützenumzug muss zweimal angemeldet werden: in Niedersachsen und in Sachsen-Anhalt. Die Jugendlichen treffen sich meist nur in der Disco im 70 Kilometer entfernten Celle.

Die alten Grenzanlagen hat Lange mit dem Museumsverein als Grenzlehrpfad wieder aufgebaut, ansonsten ist die ehemalige Grenze mittlerweile eine grüne Wiese. Ein Stein liegt seit 1958 auf Zicherier Seite: „Deutschland ist unteilbar“, ist darauf zu lesen. Dorthin führt Lange auch Schüler. „Kannst du dir vorstellen, dass dein bester Freund im Nachbarort wohnt und du ihn nicht besuchen darfst?“ fragt er die Jugendlichen dann.

An dieser Stelle feiern die Schützen den Mauerfall jedes Jahr mit einem großen Fest. „Da ist jeder willkommen“, betont Lange. In den 20er Jahren hatten sich Schützen aus Zicherie und Böckwitz wegen mangelnder Mitgliederzahlen erstmals zu einem Verein zusammengeschlossen. Während der Teilung gab es den Verein nur auf westlicher Seite. Der Schützenumzug marschierte mit Blaskapelle bis zu einer Wegbiegung. Dann begann das Grenzgebiet, und er musste wieder umkehren. Seit 1990 ziehen die Schützen wieder gemeinsam durch die Dörfer und haben dafür eine spezielle Fahne anfertigen lassen. Eine Buche, die die Böckwitzer repräsentiert, eng verwachsen mit einem Eichenbaum von Zicherie ist auf schweren Samt gestickt. Darüber steht in großen, goldenen Buchstaben: „Wiedervereint 1990“.

Auf der Wiese im ehemaligen Grenzgebiet pflanzt der Schützenkönig jedes Jahr eine Eiche oder Buche, je nach dem, ob er aus Zicherie oder Böckwitz stammt. Einige Bäume sind vertrocknet. „Manche wachsen wegen der alten Fundamente von den Grenzanlagen nicht so gut an“, sagt Lange. In seinen Augen will die Einheit in Zicherie und Böckwitz nicht so recht Wurzeln schlagen.
„Einheit fühlt sich anders an“, sagt auch Willi Schütte. Auf dem Hof des 71-Jährigen in Böckwitz wurde das Grenzmuseum eingerichtet. Es macht ihn so stolz wie die Trabis, die er besitzt. Doch das Museum bringe mittlerweile auch Streit um Finanzen. „Die Schere zwischen den Orten geht immer weiter auseinander“, sagt Schütte. Und der Schützenverein? Er winkt ab. „Der hatte nach der Wende viel mehr Mitglieder aus Böckwitz.“ Schütte hatte mit seiner Familie den Hof im Osten während der Teilung verlassen. Oft ist er bis zur Grenze geradelt und hat fotografiert.

Auch die Braut am Grenzzaun lichtete er ab. Vor einem knappen Jahr, zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, habe der Grenzpolizist, der damals die Brautmutter so nahe an den Zaun ließ, die Braut getroffen. Die Mutter sei längst verstorben. „Aber die Vergangenheit ist immer noch in den Köpfen der Menschen.“ epd

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