Berlin. Wieder reihenweise Schnäppchen bestellt und kaum ausgepackt? Kaufsucht kann jeden treffen. Gaby Guzek erklärt, welche Tricks helfen.

  • Die Ursache für unkontrolliertes Shopping schlummert im Hirn
  • Zwischen leidenschaftlichem Konsum und Shoppingsucht gibt es schmalen Grat
  • Mit fünf simplen Tipps überlisten Sie Ihr Gehirn

Bummeln kann ein netter Zeitvertreib sein. Für manche Menschen aber wird Einkaufen zur Sucht. Die unendlichen Möglichkeiten des Onlineshoppings haben dieser Abhängigkeit geradezu einen Turbo verpasst. Experten schätzen, dass bis zu jeder Zehnte kaufsüchtig ist. Die Wurzel der Shoppingsucht ist dieselbe wie bei Alkoholabhängigen: unser Belohnungssystem im Kopf.

Unser Urahn strahlte vor Glück: Seine Jagd war erfolgreich, er trug seine fette Beute zur Familie. In seinem Kopf sprudelte der Nervenbotenstoff Dopamin – zuständig für sein tiefes Belohnungsgefühl. Dreitausend Jahre später: Es ist „Black Friday“, der größte Verkaufshype der Weltgeschichte. Mit Werbe-Trommelfeuer wird er wochenlang ins Bewusstsein gedroschen. Der Appell an Ihr Dopaminsystem: „Sei schnell, dann wartet fette Beute, Du wirst Dich belohnt fühlen, weil Du ein ganz tolles Schnäppchen ergattern konntest.“ Unsere biologische Grundausstattung teilen wir uns immer noch mit Mr. Neandertal.

Die besten Artikel der Serie „Raus aus der Sucht“

Kaufsucht: Wenn Konsum zur Krankheit wird

Öffnen sich die Ladentüren, flimmern jedes Jahr die gleichen Bilder über den Fernseher: Menschen stürmen hysterisch die Geschäfte, quetschen sich dabei fast zu Tode – nur, um dann zufrieden mit Dingen nach Hause zu gehen, die sie sonst vielleicht nie gekauft hätten. Die Beute ist erjagt, die Erwartung befriedigt, man fühlt sich belohnt, das Dopaminsystem ist happy. Wer nicht nur am Black Friday, sondern 365 Tage im Jahr zwanghaft auf Einkaufstour ist, den hat die Kaufsucht im Griff.

Shoppingsucht: Wer im Geschäft bei Rabattschildern nicht widerstehen kann und den Überblick über seine Ausgaben verliert, sollte solche Geschäfte meiden.
Shoppingsucht: Wer im Geschäft bei Rabattschildern nicht widerstehen kann und den Überblick über seine Ausgaben verliert, sollte solche Geschäfte meiden. © Getty Images | PeopleImages

Wie viele Menschen zwanghaft kaufen, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von etwa fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen aus. Man weiß nur wenig über diese Art der Sucht. Sicher ist nur: Sie hat schon so manchen in den Ruin getrieben – und die Familie gleich mit.

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Übermäßiger Konsum trägt ja nicht einmal ein Stigma. Bummeln gehen ist eine beliebte und akzeptierte Freizeitbeschäftigung. Die Werbung feuert uns an, immer neue Dinge zu erstehen. Das tun wir auch, obwohl wir das Meiste gar nicht brauchen. Wer viel kauft und besitzt, steigert sein soziales Ansehen sogar. Bei Licht betrachtet, kaufen wir alle eigentlich zu viel.

Die Grenze zur Sucht ist da überschritten, wo der Kaufimpuls übermächtig wird. Der Verstand sagt: „Das kann ich mir nicht leisten“ und trotzdem wird das Portemonnaie gezückt. Nur wenig später setzt der Katzenjammer ein, der Betroffene fühlt sich deprimiert und schuldig. Das sind Muster, wie wir sie auch von anderen Süchten kennen.

Shoppingsucht: Internet hat der Erkrankung den Turbo verpasst

Damit schließt sich für den zwanghaften Shopper ein Kreis. Die meisten legen dann los, wenn sie emotional niedergeschlagen sind. Der kurzfristige Dopaminkick durch den Kauf ist also ebenfalls so eine Art Selbstmedikation, etwa wie Alkohol oder Zigaretten. Kurz danach fallen die Betroffenen wieder in ein Gefühlsloch und machen sich wieder auf die Suche.

Autorin Gaby Guzek ist Wissenschaftsjournalistin und Coach. In unserer Serie „Raus aus der Sucht“ beleuchtet sie verschiedene Süchte und Wege aus der Abhängigkeit.
Autorin Gaby Guzek ist Wissenschaftsjournalistin und Coach. In unserer Serie „Raus aus der Sucht“ beleuchtet sie verschiedene Süchte und Wege aus der Abhängigkeit. © Carmen Wilhelmer | Carmen Wilhelmer

Das Internet mit seinen Millionen Shoppingmöglichkeiten hat dieser Suchterkrankung einen Turbo verpasst. Onlineshopper müssen nicht mal aus dem Haus. So kommt es dann, dass die Einkaufswut oft auch zur Zweitsucht wird. Betrunken ins Einkaufszentrum ginge nicht – Mausklicks mit Promille gehen aber locker. Dann stapeln sich ein paar Tage später die Kartons vor der Tür und der Betroffene weiß nicht mal mehr, was da wohl drin ist.

Nach dem aktuellen Stand der Forschung tritt Kaufsucht quasi nie allein und aus heiterem Himmel auf. In der Regel stecken dahinter Depressionen oder Angst- und Panikstörungen. Auch Menschen mit ADHS kaufen häufig zwanghaft ein. Will man sich davon befreien, ist also der Blick dahinter zwingend nötig und das kann nur ein Fachmann.

Kaufsüchtig: Was sollte ich jetzt tun?

Die meisten Menschen gehen zwanghaft einkaufen, wenn sie sich gestresst fühlen oder niedergeschlagen. Klar: Das Belohnungssystem möchte gekitzelt werden und würde kurzfristig für Besserung sorgen.

Versuchen Sie, möglichst rechtzeitig wahrzunehmen, wenn sich Stress oder Frust aufbaut – und legen Sie sich einen Plan zurecht, was Sie dann tun. Es muss irgendetwas sein, das Ihr Belohnungsgefühl anspringen lässt – aber eben nicht einkaufen. Das kann eine warme Badewanne sein oder durchaus auch, in der Wohnung oder im Garten eine Kleinigkeit zu erledigen. Das Ergebnis zählt.

Mit einem Klick zum Kauf: Bei Onlinehändlern einfach mal die Zugangsdaten löschen, das erhöht die Hürde vor der nächsten unüberlegten Bestellung.
Mit einem Klick zum Kauf: Bei Onlinehändlern einfach mal die Zugangsdaten löschen, das erhöht die Hürde vor der nächsten unüberlegten Bestellung. © Getty Images | seb_ra

Diese fünf Maßnahmen können bei einem Hang zu Kaufsucht helfen:

  1. Wenn Sie einkaufen: Machen Sie sich vorher einen Einkaufszettel – und von dem weichen Sie nicht ab. Am besten überschlagen Sie vorher, wie viel der Einkauf etwa kosten wird und nehmen den Betrag in bar mit. Sämtliche Karten zur bargeldlosen Zahlung lassen Sie zu Hause.
  2. Notieren Sie Ihre Ausgaben, führen Sie ein Haushaltsbuch.
  3. Löschen Sie Ihre Daten bei Ihren bevorzugten Onlinehändlern. Wer jedes Mal wieder neu alle Daten eingeben muss, überlegt zwei Mal. Käufe mit einem Klick hingegen sind für Shoppingsüchtige genau falsch.
  4. Schilder mit „Schnäppchen“ oder „hier gibt es Prozente“ sind Magneten für Shoppingsüchtige. Betreten Sie einen Laden und sehen solche Schilder – dann gehen Sie. Meiden Sie möglichst Einkaufszentren, dort gibt es kaum ein Entrinnen.
  5. Am besten ist es ohnehin, für eine gewisse Zeit sämtliche Zahlmöglichkeiten des bargeldlosen Geldverkehrs an eine Vertrauensperson abzugeben. Das betrifft auch die Möglichkeit, online zu überweisen.

Zur Person

  • Gaby Guzek ist seit mehr als 30 Jahren Fachjournalistin für Wissenschaft und Medizin.
  • Sie arbeitete nach ihrem Studium unter anderem bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der Fachzeitschrift „Die Neue Ärztliche“. Jahrelang selbst von schwerer Alkoholsucht betroffen und mit den Therapiemöglichkeiten unzufrieden, begann sie, sich intensiv mit dem Phänomen Sucht auseinanderzusetzen. 2020 veröffentlichte sie im Eigenverlag ihr Buch „Alkohol adé“* und steht heute als Coach unter gaby-guzek.com und in ihrem Forum alkohol-ade.com Alkoholsüchtigen zur Seite.
  • Ihr aktuelles Buch „Die Suchtlüge. Der Mythos von der fehlenden Willenskraft: Wie Sucht im Hirn entsteht und wie wir sie besiegen“ ist bei Heyne erschienen.

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