Und plötzlich ist Lampedusa ganz nah

Wolfenbüttel  Christel Ende und Dietmar Bernd Kühl sind der Familienersatz für 20 Flüchtlinge in Schandelah.

Dietmar Bernd Kühl und Christel Ende sind für die Flüchtlinge fast schon Familienersatz. Hier besuchen sie Mussie Yohannes.

Dietmar Bernd Kühl und Christel Ende sind für die Flüchtlinge fast schon Familienersatz. Hier besuchen sie Mussie Yohannes.

Foto: Lisa Bertram

Flüchtlinge, Schlepper, Lampedusa, Asylanträge – das waren höchstens drei Minuten täglich in der Tagesschau, das war immer abstrakt und vor allem ganz weit weg für Christel Ende und Dietmar Bernd Kühl. Bis zu einem Tag im September vergangenen Jahres.

Da überlegten Mitglieder des Kulturvereins Schandelah, wer mit den Flüchtlingen, die in einem Mehrfamilienhaus am Bahnhof untergebracht sind, deutsch lernen könnte – und warum nicht Christel Ende?

„Ich habe meinen Mann gefragt, ob er mitmacht“, sagt die 67-Jährige. „Wir dachten, ein bis zwei Stunden pro Woche würden es werden.“ Seitdem ist das Leben der beiden komplett umgekrempelt. Der Terminkalender ist rappelvoll.

Leserin Gisela Gödecke vom Kulturverein hat die beiden für den Gemeinsampreis vorgeschlagen. „Viele Flüchtlinge haben bei ihnen ein Zuhause und eine Familie gefunden. Sie setzen sich in besonderer und vielfältiger Weise für die Flüchtlinge in Schandelah und ihre Integration ein“, so Gisela Gödecke. Und was vielfältig heißt, wird so deutlich: Die beiden haben sechs Flüchtlingen bei McDonalds in Cremlingen Arbeit besorgt, bemühen sich für einen Flüchtling um eine Koch-Lehrstelle im Steigenberger Hotel, organisieren für die Dorfbewohner Informationsabende über die Schicksale der Flüchtlinge, laden zum Kochen, Reden oder auch Spielen zu sich nach Hause ein, begleiten die Flüchtlinge zu Behörden und Ärzten, verschönern die Flüchtlingsunterkünfte mit Gardinen, verwalten und verteilen die Spenden anderer Helfer, organisieren Lebensmittel bei der Braunschweiger Tafel.

Seitdem sind Gänge zum Jobcenter oder zu Ämtern täglich Brot für die beiden. Sie haben im Laufe der Zeit ein paar Brocken Tigrinya gelernt, die Sprache Eritreas. Und schnell hat das Ehepaar erkannt: Sprachunterricht ist wichtig, aber noch wichtiger ist die Zwischenmenschlichkeit. „Ich wollte mich ehrenamtlich engagieren“, sagt die 67-Jährige. „Ich wollte mich mit Kindern und Frauen beschäftigen und habe an Flüchtlinge gar nicht gedacht, das war zu weit weg. Aber wenn man deren Geschichten hört, bleibt einem nichts anderes übrig, als zu helfen. Man kann die Augen davor nicht mehr verschließen.“

Die beiden wohnen 200 Meter vom Flüchtlingsheim entfernt. „Sie können immer zu uns kommen, wenn sie Fragen haben“, sagt Dietmar Bernd Kühl. „Man muss sich das mal vorstellen. Das sind junge Menschen, die nichts tun können, was zum normalen Leben gehört. Sie sind nicht mobil, haben kein Radio oder Fernsehen. Sie stehen auf, um abends wieder ins Bett zu gehen. Dazwischen ist nichts.“

DER GEMEINSAM-PREIS

Am 18. Mai ehrt unsere

Zeitung mit dem Braunschweiger Dom zum zwölften Mal Menschen für ihr Bürgerengagement. In den nächsten Wochen stellen wir hier täglich die Kandidaten für den Preis vor. Heute:

Christel Ende und

Dietmar Bernd Kühl

Das Ziel: Das Ehepaar aus Schandelah will Flüchtlingen nicht nur eine Bleibe, sondern ein Zuhause ermöglichen. Sie sind für 20 Flüchtlinge des Flüchtlingsheims fast Familienersatz. Üben mit ihnen deutsch, fahren mit ihnen zum Arzt, verschönern ihren Alltag und unterstützen sie bei Behördenbriefen.

Die Partner: Kulturverein Schandelah und weitere engagierte Bürger.

Kontakt: Ehepaar Ende / Kühl in Schandelah (05306) 970397

Mail:

dietmar.kuehl@t-online.de

Und so unterstützt das Ehepaar die Flüchtlinge weiterhin. „Diese Leute sind hier aufgeschmissen, wenn wir ihnen nicht helfen. Und sie sind uns so dankbar. Schandelah sei nun ihre neue Familie, haben einige schon gesagt.“

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