Das Paradies in kleinen Gärten

BRAUNSCHWEIG Zwischen Fröschen, Bambus und Partybeleuchtung entfaltet sich der Müßiggang

Zuhause mittendrin im schönsten Sommer ein Nachbarschaftsfest im Braunschweiger Kleingärtnerverein Weinberg.

Zuhause mittendrin im schönsten Sommer ein Nachbarschaftsfest im Braunschweiger Kleingärtnerverein Weinberg.

Foto: Harald Duin

Ein Sommer wie aus dem Prospekt. Gleich hinter den Hochhäusern der Weststadt wird es – in Prospekten darf man schon mal ein bisschen übertreiben – paradiesisch. Sattes Grün, Frösche und das Zirpen der Zikaden im Bambus. Ein Paradies mit Strom und fließend Wasser. Vollpension zum Einkaufspreis. Auf Wunsch gibt es abends Partybeleuchtung. So fühlt sich in Braunschweig der Süden an.

Am Telefon hat Gerd-Reiner Moths, Vorsitzender des Kleingärtnervereins Weinberg, vollstes Verständnis, dass auch ich dies alles in vollen Zügen genießen möchte. Ein paar Abende später sitze ich in trauter Runde im mediterranen Ambiente des Ehepaares Ilona und Wolfgang Abraham.

Nachbarschaftsfest.

"Weinberg" hört sich überhaupt gut an. Auch andere Kleingartenvereine in Braunschweig haben schöne Namen. Sie heißen beispielsweise "Sonniges Land", "Abendrot", "Himmelreich" oder "Klosterblick". Auf dem Tisch diverse Getränke: ein Wiltinger Scharzberg von der Mosel, ein Grappa Merlot, Bier. Die Presse ist natürlich eingeladen.

In den siebziger und achtziger Jahren, erinnert sich Vereinsmitglied Walter Schön, hat man gerne auch mal die kleinen Fläschchen mit dem Kräuterlikör aufgeschraubt. Dazwischen wurde gerne ein Kognak genommen. Die Frauen bevorzugten Eierlikör mit Fanta.

Die Vereinskantine war damals gerne frequentierter Mittelpunkt der Gartenfreunde. Jetzt ist sie geschlossen und kann für Silberne Hochzeiten und Trauerfeiern gemietet werden. Andere Gartenkantinen in Braunschweig laufen auch schlecht oder gar nicht. Heute feiert man lieber im kleinen Kreis.

Es ist ein Abend der vielen kleinen Geschichten. Spektakulär ist keine. Andere Menschen, insbesondere die ohne Garten, buchen in ländlicher Abgeschiedenheit teure Kurse, um zur Ruhe zu kommen. Und wer dabei noch in sich hineinhorchen will, zahlt das Doppelte. Sich spüren, in der Stille das Nichts entdecken – das kann man im Kleingärtnerverein Weinberg fast umsonst.

Die alten Chinesen haben es gewusst: "Willst du für eine Stunde glücklich sein, so betrinke dich. Willst du für drei Tage glücklich sein, so heirate. Willst du für acht Tage glücklich sein, so schlachte ein Schwein und gib ein Festessen. Willst du aber ein Leben lang glücklich sein, so schaffe dir einen Garten."

Heute kann es gerne einer mit Kamin sein. Auch der Kleingärtnerverein Weinberg geht da mit der Mode. Längst haben die Schornsteinfeger die Feuerstätten der Schrebergärtner als Einnahmequelle entdeckt. Aber auch das lohnt nicht die Aufregung.

Ein Daniel Gottlob Moritz Schreber soll im 19. Jahrhundert die deutsche Kleingärtnerbewegung in Leipzig initiiert haben. Aber das stimmt nicht. Die ersten Anlagen waren von Dr. Karl Gsell gegründete Schulgärten, die er nach seinem verehrten Schwiegervater, dem erwähnten Schreber, benannte. Schließlich war es Schulleiter Ernst Innozenz Hauschild, dessen Interesse zur Gründung des ersten Schrebergarten-Vereins im Jahre 1864 führte. Die ganze Geschichte wird vom Deutschen Kleingärtnermuseum in Leipzig liebevoll nachgezeichnet.

Ja, zur Kulturgeschichte des Alltags gehören auch die Laubenkolonisten, über deren Wirken das Goethe-Institut gerne in aller Welt informiert, übrigens gerade in Melbourne (Australien). Titel der Ausstellung, die mit Hilfe der Universität Leipzig entstand: "Willkommen im Schrebergarten".

Zurück zum "Weinberg". Der Abend nimmt seinen geselligen Gang. Wirklich keine Probleme? "Wühlmäuse", werfe ich in die Debatte. Aber an diese Plage hat man sich gewöhnt. Wohin mit der überreichen Ernte, mit den Kirschen, Äpfeln, Birnen und den Beeren, mit den Gurken und Kürbissen? Mehr bio geht nicht. Warum laden die Braunschweiger Kleingärtner zur Veräußerung ihrer Köstlichkeiten, ihrer Beerenauslesen, nicht mal zu einem Sommermarkt ein?

Abschied vom Ort des Müßiggangs. Der Abend wird kühl. Dem Pressevertreter wird noch eine Zucchini und ein Glas selbstgemachte Marmelade (Schwarze Johannisbeer, Stachelbeer) zugesteckt. Beim nächsten Mal, wenn ich die Qualitäten Braunschweigs aufzähle, werde ich auch die Kleingärten preisen.

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