Artillerie

Ukraine-Krieg: Auch der Nato geht die Munition aus

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Mangelware Munition: Bundeskanzler Scholz lässt sich Geschosse der Bundeswehr vorführen.

Mangelware Munition: Bundeskanzler Scholz lässt sich Geschosse der Bundeswehr vorführen.

Foto: IMAGO / Sven Eckelkamp

Berlin  Nato-Artillerie hat sich in der Ukraine als entscheidend erwiesen. Nur: Die Munition wird knapp – und Nachbestellen ist nicht einfach.

Zwei Tage. So lange könnte die Bundeswehr Deutschland verteidigen, dann wäre die Munition verschossen. Jahrelang hat Berlin zu wenig bei der Industrie bestellt, jetzt fehlen die Kapazitäten, schnell Granaten und Patronen zu produzieren. Das Defizit ist gewaltig, auch im monetären Sinn: 20 Milliarden Euro würde es kosten, die Bundeswehr-Bunker zu befüllen.

Der Munitionsmangel passt nicht nur nicht zum Anspruch der Bundesregierung, die Bundeswehr wieder zu einer schlagkräftigen Verteidigungsarmee zu machen. Er hat konkret schwerwiegende Folgen.

Ukraine braucht dringend Munition

Zum einen verfehlt die Bundeswehr mit ihrem Munitionsvorrat Nato-Vorgaben, nach denen die Mitgliedsstaaten mindestens für 30 Tage Reserven haben sollen.

Zum anderen kann Deutschland nur mit Mühe Munition dorthin liefern, wo sie dringend gebraucht wird: in die Ukraine. Mit dem Flugabwehrpanzer Gepard und der Panzerhaubitze 2000 sind dort zwei Systeme im Einsatz, für die langsam die Munition ausgeht.

Beide sind unersetzlich im Kampf gegen Russlands Armee, die Panzerhaubitze teilt sich zudem das Kaliber mit den Systemen, die etwa die USA, Frankreich oder Großbritannien geliefert haben. Bedeutet: Wenn dem deutschen Geschütz die Munition ausgeht, dann wird es auch bei den anderen Nato-Waffen eng. Dabei machen die Geschütze oft den Unterschied aus, wie die Ukraine betont.

Das Nato-Dilemma zeigte sich zuletzt auch beim Flakpanzer Gepard. Der ist beim Schutz vor Drohnenangriffen wichtig, aber die Munition wird auch hier knapp. Die Bundesregierung hätte theoretisch Geschosse, musste zuletzt aber eine diplomatische Niederlage einstecken. Die Schweiz untersagte Berlin die Weitergabe an Kiew, mit Verweis aus Ausfuhrbestimmungen und die Schweizer Neutralität.

Jetzt will der Rüstungskonzern Rheinmetall den spanischen Hersteller Expal kaufen, der unter anderem die benötigte Munition vom Kaliber 35-Millimeter herstellen kann. Selbst kann die deutsche Kanonenschmiede nur um die 80.000 Geschosse pro Jahr produzieren, die Spanier kommen auf rund 300.000.

Berlin muss allerdings dann dort auch bestellen; Rheinmetall beliefert nicht exklusiv die Bundeswehr, sondern auch andere Nato-Staaten, etwa die USA. Der Bedarf seit Kriegsaubruch erheblich gestiegen, sagte Rheinmetallchef Papperger unlängst dem "Handelsblatt".

Er erwarte, dass das Geschäft stark wachsen werde. Auch deswegen sei das Unternehmen bereit, ein vielfaches dessen für Expal hinzulegen, was der Hersteller aktuell umsetzt. In anderen Worten: Es wird sich lohnen. Die Nato-Mitglieder werden Schlange stehen in der Absicht, ihre nach dem Ende des Kalten Krieges geleerten Depots wieder zu befüllen.

Nato-Depots leergeschossen

Deutschland steht mit seinem Munitionsmangel derweil nicht allein da. Die Nato schaut insgesamt in sich schnell leerende Depots. Denn der Munitionsverbrauch der Ukraine ist immens. Was die Allianz etwa im Afghanistan-Einsatz pro Monat verschossen hat, verschießen die Ukrainer derzeit am Tag, berichtete am Sonntag die "New York Times". Im Sommer sollen es etwa bis zu 7000 Artilleriegranaten am Tag gewesen sein, nur in der Donbass-Region.

Die müssen irgendwo herkommen. Selbst produzieren kann sie Kiew nicht, nicht in diesem Umfang, zumal die gelieferten Nato-Haubitzen ein anderes Kaliber nutzen als viele der Waffen aus Sowjetzeiten, mit denen die Ukraine sonst umgeht.

So haben die USA – der mit Abstand größte Waffenlieferant der Ukraine – eigenen Angaben zufolge bislang Ende Oktober zwischen 800.000 und einer Millionen Geschosse der Kaliber 155- und 105-Millimeter an die Ukraine geliefert.

In derselben Zeit verließen pro Monat knapp 15.000 Stück US-Munitionsfabriken. Selbst die USA sind also derzeit nicht annähernd in der Lage, die ukrainischen Munitionshunger zu stillen. Die Kapazitäten will Washington ausbauen, auf 36.000 Stück pro Monat – in den nächsten drei Jahren. Gut möglich, dass bis dahin der Krieg in der Ukraine längst entschieden ist.

Frankreich denkt über radikale Lösung nach

Frankreich, das Kiew mehrere Cesar-Haubitzen geliefert hat, steht vor einem ähnlichen Problem. Dort denkt die Regierung über ein Gesetz nach, mit dem französische Zivilindustrie zur Munitionsherstellung herangezogen werden kann – ohne, dass Frankreich formal im Krieg ist.

Pate steht dabei laut einem Bericht von "LeMonde" ein US-Gesetz, das es der Regierung erlaubt, zivile Produktionskapazitäten für militärische Zwecke zu vereinnahmen. Es wäre ein radikaler Schritt, den Paris gehen würde; das US-Vorbild stammt von 1950, als die USA unvorbereitet in den Koreakrieg eingetreten waren, und schnell Munition, Panzer und Geschütze brauchten.

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Rüstungsindustrie will Abnahme-Garantien

Großbritannien, das die Ukraine ebenfalls mit Geschützen vom Kaliber 155-Millimeter ausgerüstet hat, steht vor demselben Problem. 16.000 Geschosse hat London an Kiew übergeben, jetzt will die Regierung nachbestellen. Oder hat zumindest angekündigt, bestellen zu wollen.

Denn auch das gehört zur Munitionsknappheit: Die Hersteller wollen Garantien haben, dass sie die Geschosse auch verkauft bekommen und sind nur bedingt bereit, ins Blaue hinein zu fertigen. SPD-Chef Lars Klingbeil wies am Sonntag in der ARD darauf hin, die deutschen Rüstungskonzerne hätten es nach der Zeitenwende-Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz versäumt, Kapazitäten wieder aufzubauen, weil sie auf Bestellungen warteten.

"Abzuwarten und zu sagen, erstmal gucken wir, was die Politik uns bietet, das ist keine Haltung, mit der wir jetzt erfolgreich diese Defizite abbauen werden", sagte er. Immerhin: Was in den vergangenen Wochen in Deutschland an Munition produziert wurde, sei eins zu eins an die Ukraine gegangen.

Er versprach, Rückstände bei der Ausrüstung der Streitkräfte nun rasch anzugehen. "Das ist bestellt, das ist jetzt im Zulauf, wie es bei der Bundeswehr heißt und bis zum Ende des Jahres sind viele Sachen da", sichert er zu.

Am Montag wird es zur Sache außerdem ein hochrangiges Gespräch mit der Industrie im Bundeskanzleramt geben. Zumindest am Geld soll es mit dem beschlossenen Bundeshaushalt für das kommende Jahr nicht mehr scheitern. Was nicht in Deutschland produziert werden kann, wolle man notfalls bei den Nato-Partnern einkaufen, sagte Klingbeil. Fraglich bleibt, wie Deutschland Munition kaufen will, die nicht existiert.

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.

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