Ukraine-Krieg

Warum Odessa für Putins Truppen eine Nummer zu groß ist

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Jugendlicher bei neuerlichem Angriff auf Odessa getötet

Jugendlicher bei neuerlichem Angriff auf Odessa getötet

Bei einem neuen russischen Angriff auf die südukrainische Hafenstadt Odessa ist nach Angaben der Behörden ein Jugendlicher getötet worden. Odessa wurde zuletzt schon mehrmals von russischen Truppen angegriffen.

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Berlin   Selbst das russisch geprägte Odessa ist vor Angriffen nicht sicher. Experten glauben aber, dass sich Putin mit der Hafenstadt überhebt.

  • Immer wieder gibt es im Ukraine-Krieg Raketenangriffe auf Odessa
  • Doch die Hafenstadt ist gut geschützt
  • Warum sie laut Experten vielleicht gar nicht einnehmbar ist

Jetzt haben sie Odessa im Visier. Zurzeit nehmen die Attacken auf die ukrainische Hafenstadt zu, zuletzt erst in der Nacht zu Dienstag. Es sind Raketenangriffe – Nadelstiche, die Angst auslösen sollen. Zu mehr sind die Russen nicht fähig. Nach Ansicht westlicher Militärexperten ist Odessa für die Truppen von Kremlchef Wladimir Putin eine Nummer zu groß.

Dabei ist die Hafenstadt im Süden strategisch wichtig. Nicht zufällig wird um die Schlangeninsel westlich von Odessa heftig gekämpft. Fiele die Stadt den russischen Truppen in die Hände, wäre die Ukraine vom Schwarzen Meer und somit vom Welthandel abgeschnitten. Der Süden des Landes wäre leichter zu erobern und ein Landzugang nach Transnistrien und Moldau machbar.

Odessa: viel schwerer zu erobern als Mariupol

"Odessa ist wohl nur unter sehr, sehr hohen Verlusten einnehmbar, wenn überhaupt", sagte Professor Burkhard Meißner, Oberst der Reserve und Vorstand vom German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, unserer Redaktion. Russland habe nicht das Zeug dazu, twitterte der Amerikaner John Spencer, der weltweit führende Experte für urbane Kriegsführung. Lesen Sie auch: Ukraine-Krieg – so rüstet Odessa gegen die Feinde auf

Die Stadt am Schwarzen Meer ist riesig, sie hat über eine Million Einwohner. Das sind doppelt so viele Menschen wie in Mariupol, das die russischen Truppen auch nach zweieinhalb Monaten Ukraine-Krieg immer noch nicht vollständig erobert haben. Odessas Vorteil ist, dass es "kaum eine Stadt gibt, die so sehr verbunkert ist", erläutert GIDS-Experte Meißner.

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Die Katakomben sind legendär. Sie bilden ein etwa 2500 Kilometer langes Tunnelsystem, das sich bis weit in die Außenbezirke erstreckt. Sie befinden sich auf drei Ebenen, erreichen eine Tiefe von 60 Metern und haben über 1.000 Zugänge, dazu Keller, atomsichere Bunker, Entwässerungs- und Regenwasserkanäle.

In Odessa hat Putin nur schlechte Optionen

Dem Vernehmen nach haben die ukrainischen Streitkräfte in der Erwartung eines Partisanenkriegs Lebensmittel, Waffen und Munition gebunkert. Im Zweiten Weltkrieg haben deutsche und rumänische Truppen zwar die Stadt im Oktober 1941 erobert, aber im Untergrund leisteten die Partisanen bis Kriegsende Widerstand. Drei Jahre lang, bis ihre Stadt befreit wurde.

So versteht man, warum Experten wie Meißner der ukrainischen Armee unter Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj zutrauen, die Stadt zu verteidigen. Vom Meer aus ist die Stadt ebenfalls kaum zu erobern, nachdem die Ukrainer zuletzt erfolgreich russische Landungsboote und den Kreuzer "Moskwa" angegriffen haben. Denkbar wäre allerdings, dass sie den Süden der Ukraine erobern, Odessa vom restlichen Land abschneiden und es auf eine langwierige Belagerung ankommen lassen.

Stadtkampf-Experte Spencer kommt zu dem Schluss, Russland habe nicht die Anzahl an Soldaten, die Streitkräfte oder Fähigkeiten, "um eine verteidigte Stadt dieser Größe einzunehmen, die eine mehrschichtige Verteidigung und Tausende von militärischen, territorialen und zivilen Verteidigern einsetzt". Es sei denn, der russische Präsident setzt taktische Atomwaffen ein.

Das muss man ihm zutrauen; die Welt hat lernen müssen, Putin beim Wort zu nehmen. Aber im Fall Odessas ist es wirklich unwahrscheinlich. Denn Odessa – Ende des 18. Jahrhunderts von der russischen Zarin Katharina der Großen gegründet – ist eine Metropole mit russischen Wurzeln. Ein Zentrum der russischen Kultur und Sprache. Noch 2001 gaben rund 65 Prozent der Einwohner Russisch als Muttersprache an, rund 90 Prozent sprachen es im Alltag. Für jemanden, der Russland zu alter Stärke zurückführen will, käme die Zerstörung Odessas einem Verrat gleich.

Odessa – die russische Metropole der Ukraine

An Odessa kann man Putins Dilemma studieren: Er hat nur die Wahl zwischen schlechten Optionen. Zerstört er die Stadt, führt er die Erzählung von der "Spezialoperation" zur Befreiung von Landsleuten ad absurdum. Gibt er auf, wird offensichtlich, was für Putin schwer erträglich ist: Auch Odessas russischstämmige Bevölkerung wendet sich Europa zu und wappnet sich für den Krieg gegen Putin.

Die Menschen haben ein gutes Gespür. Seit Kriegsausbruch erwarten sie den Sturm auf Odessa. Seit Wochen nehmen die Fluchtbewegungen – vor allem von Frauen und Kindern – Richtung Polen oder ins nahe gelegene Moldawien zu.

Sicher ist es in der Stadt nicht. Zuletzt wurden eine Brücke, ein Einkaufszentrum, aber auch Warenlager attackiert. In Odessa liegen große Getreidesilos, die prallvoll sind. Das Getreide kann nicht exportiert werden, weil der Seeverkehr und damit der Handel blockiert sind.

Am Montag schlugen während eines Besuchs von EU-Ratspräsident Charles Michel Raketen ein; der Mann aus Brüssel musste eiligst Schutz suchen in einem Bunker. Damit zeige Russland seine wahre Haltung gegenüber Europa, kommentierte am Abend Präsident Wolodymyr Selenskyj. In der Nacht zu Dienstag fiel das Strandhotel Grand Pettine einem Angriff zum Opfer.

Die örtliche Militärführung erklärte, „der Feind hält seinen psychologischen Druck aufrecht und setzt seine hysterischen Attacken gegen friedliche Zivilisten und die zivile Infrastruktur fort“, hieß es. Es seien „touristische Objekte“ getroffen und mindestens fünf Gebäude zerstört worden, berichtete die „Ukrajinska Prawda“.

Das US-Verteidigungsministerium geht nicht von einer bevorstehenden größeren Attacke auf die Hafenstadt aus. Eine Vermutung sei, dass die Raketenangriffe ein Ablenkungsmanöver seien. Sie sollen die ukrainischen Soldaten in der Stadt binden. Vorerst reicht Russlands Macht in erster Linie nur aus, um Angst zu schüren. Um Angst zu schüren, reicht Russlands Macht allemal aus.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de

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