Ukraine-Krieg

Cherson befreit: Stadt jubelt – Kreml in Schwierigkeiten

| Lesedauer: 4 Minuten
Dnipro-Brücke in Cherson zerstört - Russland bestätigt Rückzug

Dnipro-Brücke in Cherson zerstört - Russland bestätigt Rückzug

Die russischen Truppen haben nach eigenen Angaben ihren Rückzug aus der ukrainischen Stadt Cherson abgeschlossen. Die Antoniwkabrücke, die einzige Querung des Flusses Dnipro, wurde zerstört. Wer dafür verantwortlich ist, ist noch unklar.

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Berlin/Kiew  Die Stadt Cherson ist von russischen Besatzern befreit worden. Für Russland ist die Niederlage ein herber Rückschlag – schon wieder.

Nach dem Rückzug russischer Truppen aus der südukrainischen Stadt Cherson sind ukrainische Streitkräfte am Freitag in die Stadt eingerückt. „Cherson kehrt unter die Kontrolle der Ukraine zurück, Einheiten der ukrainischen Streitkräfte betreten die Stadt“, schrieb das ukrainische Verteidigungsministerium im Online-Dienst Facebook und rief russische Soldaten, die sich noch vor Ort befänden, auf, „sich augenblicklich zu ergeben“.

Die Rückzugsrouten der „russischen Invasoren“ seien unter Feuer der ukrainischen Armee, erklärte Kiew weiter. „Jegliche Versuche, sich den ukrainischen Streitkräfte entgegenzustellen werden gestoppt“, hieß es.

Cherson jubelt über die Befreiung

Nach dem Abzug der russischen Truppen aus der südukrainischen Großstadt Cherson haben die verbliebenen Einwohner mit ukrainischen Flaggen und Hupkonzerten das Ende der Besatzung gefeiert. Im Zentrum wurden am Freitag die ersten ukrainischen Soldaten von einigen Menschen euphorisch mit Umarmungen und Beifall begrüßt, wie auf Fotos und Videos in sozialen Netzwerken zu sehen war. Manche weinten vor Freude auf einem großen Platz.

Cherson hatte einmal 279.000 Einwohner. Wie viele davon noch dort leben, lässt sich nicht genau sagen. Russland hatte nach eigenen Angaben zuvor Zehntausende Menschen auf den von Moskau kontrollierten Teil des Gebiets Cherson am anderen Ufer des Flusses Dnipro gebracht. Die Ukraine spricht von Verschleppung ihrer Bürger.

Zu sehen war auch, wie die blau-gelbe Fahne der Ukraine wieder auf dem Gebäude der örtlichen Gebietsverwaltung gehisst wurde. Ukrainische Soldaten liefen zu Fuß in die Stadt, begleitet vom Jubel und Beifall der Menschen bei lauter Musik. „WCU! WCU!“, riefen die Menschen. Das ist die Abkürzung für die Streitkräfte der Ukraine. Örtlichen Berichten zufolge waren die ukrainischen Einheiten auch bereits in die Kleinstadt Beryslaw unweit des Kachowka-Staudamms eingerückt.

Verlust von Cherson bringt Moskau in Schwierigkeiten

Russland hatte zuvor den am Mittwoch angekündigten Rückzug vom rechten Ufer des Flusses Dnipro offiziell für abgeschlossen erklärt. In den Morgenstunden hätten die letzten russischen Soldaten einschließlich Technik den nordwestlichen Teil des Gebietes Cherson verlassen und sich auf das linke Ufer des Dnipro auf neue Verteidigungspositionen zurückgezogen. Örtlichen Angaben zufolge wurden dabei die zuvor schon beschädigten drei Brücken über den Dnipro gesprengt.

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Der Truppenabzug ist ein erheblicher Rückschlag für den Kreml. Moskau hatte Cherson zusammen mit drei weiteren ukrainischen Regionen im September für annektiert erklärt und beharrt darauf, dass diese Gebiete „für immer“ russisch bleiben würden.

Die russischen Sender berichteten am Donnerstag kaum über den Rückzug - wie bei vielen schlechten Nachrichten von der ukrainischen Front. Im Gegensatz zu früheren russischen Rückschlägen stimmten die kremltreuen Hardliner dem Rückzug weitgehend zu und hielten sich mit Kritik an der militärischen Führung zurück. Sowohl Tschetschenenführer Ramsan Kadyrow als auch der Anführer der mächtigen paramilitärischen Gruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, sprachen von einer schwierigen, aber notwendigen Entscheidung.

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Ukraine steht nun vor großem Hindernis

Strategisch wird es für Russland ohne einen Brückenkopf in Cherson schwierig sein, die Offensive in Richtung der ukrainischen Stadt Mykolajiw und zum Schwarzmeerhafen Odessa fortzusetzen. Auch könnte Moskau die Kontrolle über den Kachowka-Damm am Dnipro verlieren, der für die Wasserversorgung der annektierten Halbinsel Krim wichtig ist. Überdies wären die ukrainischen Truppen von Cherson aus in der Lage, mit ihrer Langstreckenartillerie direkt die Krim anzugreifen.

Dieser zweite große Rückzug innerhalb von zwei Monaten könnte auch die Moral der russischen Truppen schwächen - zumal hunderttausende Reservisten im Einsatz sind, von denen die meisten keine wirkliche militärische Erfahrung haben.

Der Rückzug aus Cherson dürfte es den russischen Streitkräften ermöglichen, sich hinter der natürlichen Barriere des Dnipro zu verschanzen, was den Ukrainern das Vorrücken erschweren würde. Moskau will sich nach schweren Verlusten auch Zeit lassen, um die seit September einberufenen Soldaten auszurüsten und auszubilden - möglicherweise für eine neue Offensive nach dem Winter. Vertreter der US-Regierung zogen auch in Betracht, dass nun die Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau wieder aufgenommen werden könnten. (pcl/dpa/afp)

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.

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