Ukraine-Krieg

Russland droht: Was passiert, wenn Putin das Gas abdreht

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Lubmin und Nord Stream 2: Ende einer Liebesgeschichte

Lubmin und Nord Stream 2- Ende einer Liebesgeschichte

Das Aus für die Nord-Stream-2-Pipeline trifft die Ortschaft Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern hart, schließlich hätte die Röhre hier an Land kommen sollen. Politiker an der Küste hoffen nun darauf, dass einmal Wasserstoff durch die Pipeline fließen könnte.

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Berlin.  Russland droht mit einem Gas-Lieferstopp durch Nord Stream 1. Wie wichtig die Ostsee-Pipeline für die deutsche Energieversorgung ist.

Russland hat erstmals offen damit gedroht, kein Gas mehr durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland zu liefern. „Wir haben das volle Recht, eine „spiegelgerechte“ Entscheidung zu treffen und ein Embargo zu erlassen auf die Durchleitung des Gases durch die Pipeline Nord Stream 1, die heute maximal mit 100 Prozent ausgelastet ist“, sagte der russische Vize-Regierungschef Alexander Nowak in einer am Montagabend ausgestrahlten Rede im Staatsfernsehen.

Nowak äußerte sich mit Blick auf die fertiggebaute, aber sich noch nicht in Betrieb befindende Pipeline Nord Stream 2. Die Bundesregierung hatte nach Russlands Angriff auf die Ukraine das Projekt auf Eis gelegt, erste Firmen wie Wintershall Dea schreiben ihre Beteiligungen bereits ab. Die Betreibergesellschaft von Nord Stream 2 ist nach Aussagen der Regierungsrätin des Schweizer Kantons Zug, wo die Betreibergesellschaft ihren Sitz hat, pleite. Die Betreibergesellschaft selbst bestätigte die Insolvenz bisher nicht, musste aber bereits seine 140 Mitarbeiter entlassen.

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Ukraine-Krieg: Russland droht mit Gas-Lieferstopp

Ganz anders sieht es aber bei der Schwesterröhre Nord Stream 1 aus, durch die bereits seit 2011 Gas vom russischen Wyborg ins mecklenburg-vorpommersche Lubmin strömt. Nach Angaben des Betreiberkonsortium Nord Stream AG wurden im vergangenen Jahr 59,2 Milliarden Kubikmeter Erdgas durch die Röhre transportiert. Seit 2011 strömten demnach mehr als 441 Milliarden Kubikmeter Gas nach Lubmin, wo es in ein europäisches Verteilernetz eingespeist wird.

Noch treffe man die Entscheidung, kein Gas mehr durch Nord Stream 1 zu liefern, nicht, sagte Alexander Nowak: „Niemand gewinnt dabei.“ Man verfolge aber die Aussagen westlicher Politiker, sich vom russischen Gas und Öl lösen zu wollen. Russland werde andere Absatzmärkte als Europa und die USA finden, sagte Nowak.

Ukraine-Krieg: Gaspreis schießt in die Höhe

Vor allem die USA prüfen angesichts des Krieges derzeit intensiv, ob sie die Einfuhren von russischem Öl stoppen werden. In Brüssel will EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Dienstag ein Programm vorstellen, wie Europa unabhängiger von russischer Energie werden kann. Bereits zum Wochenbeginn sorgten die Entwicklungen für Turbulenzen an den Terminmärkten: Der Erdgas-Preis schoss um 60 Prozent in die Höhe.

Was würde passieren, wenn Russland nun auch noch den Gashahn zu dreht? Was wären die Folgen für die Haushalte hierzulande? Unsere Redaktion beantwortet die wichtigsten Fragen.

Welche Bedeutung hat Nord Stream 1?

Die Röhre von Russland nach Deutschland transportiert 30 bis 40 Prozent der Gaslieferungen in die Europäische Union (EU). Die übrigen Mengen fließen durch das sogenannte Ukraine-System und die Jamal-Pipeline über Belarus und Polen.

Was würde ein Lieferstopp für Russland bedeuten?

Auch innerhalb der EU gab es bereits Überlegungen, Nord Stream 1 abzuklemmen – denn dann würden dem russischen Staat sofort Dutzende Millionen Euro täglich fehlen – eine empfindliche Einbuße, da seine derzeit verfügbaren Devisen vor allem aus dem Verkauf von Rohstoffen stammen. Dies mag Wladimir Putin veranlassen, die übrigen Exporte weiterströmen zu lassen.

Andererseits könnte er aber auch die kompletten Gaslieferungen in die EU einstellen. Das würde hier zu massiven Schwierigkeiten führen. Über die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Erdgases stammen aus Russland. EU-weit sind es etwa 40 Prozent.

Kann man die Mengen aus Nord Stream 1 ersetzen?

„Die Strategie müsste darin bestehen, fehlende Lieferungen aus Russland durch Importe von Flüssiggas (LNG) zu ersetzen“, sagte Ökonom Malte Küper vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW). „Angesichts der vorhandenen LNG-Importkapazitäten in Europa wäre es rein mengenmäßig möglich, die Lieferungen durch Nord Stream 1 aufzufangen.“

Probleme dabei: Große zusätzliche Mengen auf dem Weltmarkt zu beschaffen, ist schwierig und teuer. Andererseits gibt es Engpässe bei den Gasleitungen zwischen den Häfen und den Verbrauchern innerhalb Europas. Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), erklärte: „Die Internationale Energie-Agentur hält es durch ein Bündel von Maßnahmen für möglich, den Gasimport aus Russland innerhalb eines Jahres um ein Drittel zu reduzieren.“

Wie ließe sich der Gasbedarf insgesamt verringern?

Andreas Goldthau, Experte für Geoökonomie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), plädierte für ein „Paket an Maßnahmen“, unter anderem einen „schnellen Ausbau der Wind- und Solarenergie, Energieeffizienzmaßnahmen und das Ersetzen von Gasheizungen durch Wärmepumpen“.

Gerade bei diesem Thema wären „die Potenziale gewaltig“, sagte auch Müller-Kraenner. Seinen Informationen zufolge werden zwar jährlich in Deutschland fast eine Million Heizungen ausgetauscht, allerdings „nur 150.000 Wärmepumpen neu eingebaut“.

Diese Anlagen zur Wärmeerzeugung holen die Energie aus dem Boden oder der Luft. Man kann sie mit Ökostrom vom Hausdach betreiben. Ein massives, schnelles Ausbauprogramm müsste die Bundesregierung wohl mit einigen Milliarden Euro fördern. Die öffentliche KfW-Bank würde Zuschüsse und Kredite gewähren.

Könnte die Industrie weniger verbrauchen?

„In der Industrie existieren kurzfristig keine großen Einsparpotentiale“, warnte IW-Forscher Küper. „Soll der Gasverbrauch dort deutlich sinken, wäre das mit Produktionseinschränkungen verbunden.“ Küper weist daraufhin, dass wegen der hohen Gaspreise kürzlich schon die Herstellung von Ammoniak in Deutschland zurückging.

Bei starken Einschränkungen sind Arbeitsplätze in Gefahr. Der Verband der Gasunternehmen argumentiert, in der Chemie- und in der Automobilindustrie lasse sich das russische Erdgas kurzfristig nur schwer ersetzen. Im Verlauf der kommenden 20 Jahren dürfte das anders aussehen – dann soll mit Ökostrom produzierter Wasserstoff das fossile Gas ablösen. Dieser Transformationsprozess dauert allerdings seine Zeit.

Und die privaten Haushalte?

Etwa jeder zweite deutsche Haushalt betreibt die Heizung und Warmwasserbereitung mit Gas. Dabei lässt sich einiges sparen. „Die Internationale Energieagentur schätzt, dass bei einer Reduktion von einem Grad Raumtemperatur Einsparungen von zehn Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr europaweit zu erreichen sind“, sagte Geoökonom Goldthau. Das entspricht etwa einem Fünftel der Lieferungen durch Nord Stream 1.

Sowieso empfiehlt die DUH, die Thermostate an den Wohnungsheizungen nur bis Stufe Drei hochzudrehen, mehr bringe meist nichts. „Sehr viele Heizungen sind zudem nicht optimal eingestellt, hier würde sich ein Effizienzcheck anbieten“, so Müller-Kraenner.

Was wäre eine Antwort auf soziale Härtefälle, die entstehen würden?

Der Verzicht auf bestimmte russische Gaslieferungen, der Ersatz aus anderen Quellen und die damit verbundenen höhere Nachfrage auf dem Weltmarkt führt zu weiter steigenden Preisen. Das bringt wahrscheinlich ein Drittel der deutschen Haushalte, die von eher niedrigen oder mittleren Einkommen leben, in finanzielle Nöte.

Schon die bisherigen Preiserhöhungen beim Gas können für Durchschnittshaushalte 70 Euro monatlich erreichen. Daher stellt sich die Frage des sozialen Ausgleichs. „Wir fordern dazu unter anderem einen Heizkostenzuschuss von mindestens durchschnittlich 500 Euro pro Haushalt“, erklärte der Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Zweitens muss den Verbraucherinnen und Verbrauchern der Kohlendioxidpreis als Pro-Kopf-Pauschale zurückerstattet werden, davon profitieren insbesondere auch die Haushalte mit geringem Einkommen.“ Die Ampel-Koalition hatte bereits im Februar ein Maßnahmenpaket zur Entlastung auf den Weg gebracht.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.

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