Pandemie

Delta-Variante: Was Sie zu der Mutante wissen sollten

Lesedauer: 6 Minuten
Merkel sieht Corona-Impfwettlauf mit Delta-Variante

Merkel sieht Corona-Impfwettlauf mit Delta-Variante

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) findet die aktuelle Entwicklung der Corona-Fallzahlen in Deutschland zwar "extrem erfreulich", doch sie warnt vor der Delta-Variante, die sich in Großbritannien ausbreitet. Deutschland befinde sich in einem "Wettlauf mit dem Impfen".

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Berlin.  Die zunächst in Indien aufgetretene Corona-Mutation breitet sich auch in Deutschland aus. Alle Fragen und Antworten zur Virus-Variante.

  • Im Frühjahr hatte Indien mit einer heftigen Corona-Welle zu kämpfen - ausgelöst unter anderem durch die Delta-Variante
  • Mittlerweile sinken die Infektionszahlen in Indien zwar - dafür wird die Virusvariante zunehmend in anderen Ländern nachgewiesen
  • Dem RKI zufolge hat sich der Anteil in Deutschland innerhalb einer Woche nahezu verdoppelt
  • Lesen Sie hier alles Wichtige zur Delta-Variante - inklusive Informationen zur Wirksamkeit der Impfungen

Nach einer heftigen Corona-Welle im Frühjahr entspannt sich die Lage in Indien langsam: Während das Land an manchen Tagen mehr als 400.000 neue Fälle verzeichnete, liegt die Zahl der täglichen Neuansteckungen inzwischen bei etwas mehr als 60.000. Weiterhin infizieren sich also Tausende. Dafür verantwortlich ist auch die Virusvariante Delta.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft die zuerst in Indien nachgewiesene Virus-Mutation als besorgniserregend ein. "Es liegen Informationen vor, die auf eine erhöhte Übertragbarkeit hinweisen", begründete die WHO-Expertin Maria Van Kerkhove die Entscheidung. Zuvor hatte die UN-Behörde in Genf nur die Alpha-, Beta und Gamma-Mutationen als "besorgniserregende Varianten" bezeichnet. Um Diskriminierung zu vermeiden, wurden die Mutationen nach dem griechischen Alphabet benannt.

Die Einstufung als "besorgniserregend" erlaubt laut Robert Koch-Institut (RKI) eine verstärkte Überwachung, "beispielsweise durch gezielte PCR-Untersuchung und Gesamtgenomsequenzierung im Rahmen der Coronavirus-Surveillanceverordnung (CorSurV)". Die Delta-Variante weist gleich zwei Abänderungen an einem Oberflächenprotein auf. Daher stammt die Bezeichnung als "Doppelmutation".

Welcher Impfstoff hilft gegen die Delta-Variante?

Die auf mRNA-Technologie basierenden Corona-Impfstoffe scheinen nach Angaben der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) eine gute Wirksamkeit gegen die Delta-Variante des Coronavirus aufzuweisen. Es gebe "vielversprechende" Hinweise darauf, dass die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna in der Lage seien, diese Corona-Mutante zu "neutralisieren", sagte Marco Cavaleri von der EMA.

Eine Studie der britischen Regierungsbehörde Public Health England (PHE) hat gezeigt, dass der Impfstoff von Biontech/Pfizer einen recht hohen Schutz gegen die indische Virus-Variante liefert: Demnach schützt er zwei Wochen nach der zweiten Dosis mit 88-prozentiger Effektivität gegen eine Erkrankung durch B.1.617.2., verglichen mit 93 Prozent bei der britischen Variante.

Auch das RKI geht davon aus, dass die Impfungen eine gute Wirksamkeit gegen die Mutation haben: "B.1.617 zeichnet sich durch Mutationen aus, die mit einer reduzierten Wirksamkeit der Immunantwort in Verbindung gebracht werden, wobei erste laborexperimentelle Daten darauf hindeuten, dass die Impfstoffwirksamkeit nicht substanziell beeinträchtigt ist."

Die Virologin Sandra Ciesek erläuterte im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update", dass die Mutation die Wirkung der Impfung minimieren kann, ihren Schutz aber nicht ausschaltet: "Die Varianten aus Indien haben einen leichten Immun-Escape, also eine leicht verminderte Wirksamkeit", betonte Ciesek. Was man beobachte, sei "eine leichte Einschränkung, aber kein vollständiges Versagen der Impfungen". Dies belege auch eine erste Studie der NYU Grossman School of Medicine und des NYU Langone Center in den USA.

Berichte aus Großbritannien, wonach sich Altenheimbewohner trotz vollständiger Impfung mit dieser Variante neu angesteckt haben, beunruhigen Ciesek daher nicht allzu sehr: Kein Impfschutz wirke vollständig, gerade bei Älteren mit schlechterem Immunsystem. Reinfektionen seien nicht verwunderlich. Auch der Virologe Christian Drosten äußerte sich im NDR-Podcast optimistisch mit Blick auf die nächsten Impfstoff-Generationen.

Wirkt Astrazeneca gegen die Delta-Variante?

Auch bei den anderen Impfstoffen gegen das Coronavirus geht die EMA bislang davon aus, dass sie gegen die indische Variante wirkten. Das zeigt nun auch die PHE-Studie: Demnach liegt der Effekt des Impfstoffs von Astrazeneca gegen eine Erkrankung durch B.1.617.2 bei 60 Prozent, verglichen mit 66 Prozent bei B.1.1.7.

Vorsicht ist allerdings für diejenigen geboten, die bislang nur die Erstimpfung erhalten haben: Mehreren Studien zufolge ist der Schutz gegen Delta nach der ersten Dosis sowohl bei Biontech als auch bei Astrazeneca noch relativ gering.

Wo gibt es die Delta-Variante?

Inzwischen wurde die Delta-Mutation in vielen Ländern auf der ganzen Welt nachgewiesen - auch in Europa. Insbesondere in Großbritannien breitet sich die Variante rasch aus. Trotz hoher Impfquote verzeichnet das Land wieder steigende Infektionszahlen.

Wie hoch ist der Anteil der Delta-Variante in Deutschland?

Die in Indien entdeckte Variante B.1.617 wird laut eines Berichts des RKI in Deutschland zunehmend nachgewiesen - Tendenz stark steigend. Immer mehr Städte und Regionen melden das Auftauchen der Delta-Variante.

Dem Robert Koch-Institut zufolge hat sich der Anteil der Corona-Infektionen in Deutschland mit der Delta-Variante innerhalb einer Woche fast verdoppelt. Lag der Prozentsatz in der 21. Kalenderwoche noch bei 3,7, wurde eine Woche später (31. Mai bis 6. Juni) bereits ein Anteil von 6,2 Prozent gemessen.

Virologin Ciesek warnte im NDR-Podcast vor einer Verbreitung der Delta-Variante - und geht davon aus, dass sich die Mutante auch in Deutschland durchsetzen wird. Ähnlich äußerte sich auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er fürchtet gerade in Hinblick auf die schwache Wirksamkeit von Erstimpfungen bei der Delta-Variante vor einer Ausbreitung im Herbst.

In Großbritannien breitet sich die in Indien entdeckte Delta-Variante bereits stark aus und treibt trotz hoher Impfquote die Zahl der Neuinfektionen deutlich in die Höhe. Bereits geplante weitere Lockerungen wurden aufgeschoben. Die Sieben-Tage-Inzidenz war dort innerhalb weniger Wochen wieder von 20 auf 70 gestiegen.

RKI-Präsident Lothar Wieler warnt angesichts des mahnenden Beispiels vor dem Verspielen von Erfolgen in der Pandemiebekämpfung in Deutschland. Es sei nicht die Frage, ob Delta das Infektionsgeschehen in Deutschland dominiere, sondern wann, ergänzte er.

Wie ist die Situation in Indien?

Indien litt viele Wochen unter einer massiven zweiten Corona-Welle, die nun langsam abzuflauen scheint. In den Krankenhäusern des Landes fehlt es an Betten, Sauerstoff und Medikamenten für die vielen Covid-19-Patienten. Einige Länder, darunter Deutschland, sandten Hilfsgüter in das Land. Es infizieren sich derzeit täglich noch Tausende mit dem Coronavirus.

Für den massiven Anstieg der Infektionszahlen wurden neben der Mutation auch religiöse, politische und sportliche Massenveranstaltungen verantwortlich gemacht. Verschärft wurde die Situation durch dramatische Zustände in den Krankenhäusern. Überall im Land sind die Sauerstoffvorräte, Betten und antiviralen Medikamente zur Versorgung von Covid-19-Patienten knapp. Krankenhäuser bitten um Hilfe - genauso wie Angehörige schwerkranker Patienten. (mit dpa)

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