Corona-Pandemie

Delta-Mutation: Darum schützt die erste Impfung weniger

Lesedauer: 6 Minuten
Spahn warnt vor Delta-Variante des Coronavirus in Deutschland

Spahn warnt vor Delta-Variante des Coronavirus in Deutschland

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warnt vor der "schnellen" Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus in Deutschland. Sie sei "besonders ansteckend" und könne Erfolge in der Pandemiebekämpfung "wieder in Frage stellen", sagte er in Berlin.

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Berlin.  Die Delta-Variante des Coronavirus verbreitet sich in Deutschland. Eine Impfdosis schützt gegen sie aber nur bedingt, zeigen Studien.

  • Die in Indien entdeckte Delta-Variante des Coronavirus breitet sich immer weiter aus
  • Da sie als besonders ansteckend gilt, könnte sie eine Herausforderung im Kampf gegen die Corona-Pandemie werden
  • Allerdings schützen die Corona-Impfungen auch vor der Mutation – mit Einschränkungen

Mit dem Voranschreiten der Impfkampagne kam die Hoffnung: Sind nur schnell genug genügend Menschen gegen das Coronavirus geimpft, kann die Pandemie endlich eingedämmt werden. Das war lange die Annahme. Dass diese nicht zwangsläufig stimmt und der Impffortschritt im Wettlauf mit der Verbreitung von Virus-Mutationen steht, zeigt nun eine Studie aus Großbritannien.

Im Vereinigten Königreich sah die pandemische Lage zuletzt gut aus: wenige Fälle, niedrige Inzidenzen. Am 21. Juni sollten die Corona-Einschränkungen fallen. Der "Freedom Day", Freiheitstag, stand kurz bevor. Doch die Lage hat sich dramatisch verändert. Und dass, obwohl schon 78 Prozent der Bevölkerung einmal, über 50 Prozent zweifach geimpft sind.

Delta-Mutation breitet sich in Großbritannien rasant aus

Doch die erste Impfdosis scheint bei Delta nicht auszureichen. Die Infektionszahlen im Vereinigten Königreich haben sich in den vergangenen zwei Wochen verdoppelt. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt in Großbritannien nicht mehr bei niedrigen 20 sondern bei über 70. Am Donnerstag wurden erstmals seit Ende Februar wieder mehr als 10.000 Corona-Neuinfektionen an einem Tag verzeichnet. Der Grund dafür ist wohl eine Virus-Mutation.

Die Delta-Mutation B.1.617.2, die zuerst in Indien nachgewiesen wurde, hat sich in Großbritannien rasant ausgebreitet und die zuvor vorherrschende Alpha-Variante B1.1.7, die zuerst in Großbritannien nachgewiesen wurde, abgelöst. Sie macht mittlerweile 90 Prozent der Infektionen aus. Lesen Sie auch: Coronavirus – Die Symptome der Delta-Variante

Am Montag hatte die britische Regierung deshalb erklärt, die geplante Aufhebung der letzten Corona-Beschränkungen um vier Wochen zu verschieben. In dieser Zeit könnten Millionen weitere Briten eine vollständige Impfung erhalten, begründete die Regierung die Verzögerung.

Delta-Variante ist ansteckender

Das Risiko, die Menschen im eigenen Haushalt anzustecken, sei bei einer Infektion mit der Delta-Variante um rund 60 Prozent höher als bei der Alpha-Mutation (der sogenannten britischen Mutation), teilte die englische Gesundheitsbehörde Public Health England kürzlich mit.

Eine Studie, die im Fachblatt "The Lancet" als Kurzbericht veröffentlicht wurde, kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass einmal Geimpfte keinen besonders guten Schutz gegen eine Infektion mit der Delta-Variante haben. Lesen Sie auch: Delta-Variante breitet sich aus – Kann Deutschland gewinnen?

Wissenschaftler des Francis Crick Institute und dem University College London Hospital hatten für die Studie 250 Menschen untersucht, die eine beziehungsweise zwei Impfungen gegen das Coronavirus erhalten hatten und deren Schutz vor der Delta-Mutante analysiert.

Delta-Variante: Wenig Schutz nach einer Impfung

So ergab die Untersuchung, dass zwar 79 Prozent der Geimpften nach einer ersten Dosis von Pfizer/Biontech „eine quantifizierbare neutralisierende Antikörperreaktion“ gegen den ursprünglichen Virusstamm hatten, bei der Variante B.1.617.2 waren es hingegen nur 32 Prozent.

Das französische Institut Pasteur erklärte derweil, eine einzelne Astrazeneca-Dosis habe „wenig bis gar keine Wirksamkeit“ gegen die Delta-Variante.

Daten der britischen Regierung weisen in dieselbe Richtung: Eine Studie der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE), die als Preprint vorliegt, zeigt ebenfalls wie gering der Schutz bei einer einfachen Impfung ist. Eine Impfdosis mit dem Impfstoffen Astrazeneca oder Biontech, schütze den Ergebnissen zufolge drei Wochen nach der Impfung nur zu 33 Prozent vor einer Infektion mit der Delta-Mutante.

Einfach Geimpfte sollten also weiterhin vorsichtig sein, es gibt für sie ein erhöhtes Risiko, sich mit der Delta-Mutation zu infizieren.

Das würde aber nicht bedeuten, dass Menschen, die nur eine Impfdosis erhalten haben, gar keinen Schutz hätten, sagte die Immunologin Eleanor Riley von der University of Edinburgh dem britischen Science Media Centre, nach dem die Lancet-Studie erschienen ist. Die Daten gäben keinen Aufschluss darüber, ob die Impfung schwere Infektionen, Hospitalisierungen und Todesfälle verhindern würden.

Sechs Fakten zur Delta-Mutation
Sechs Fakten zur Delta-Mutation

Zwei Impfungen schützen besser vor neuer Mutation

Für zweifach Geimpfte fällt die Gefahr, sich mit der Delta-Variante zu infizieren, hingegen deutlich anders aus. Laut einer am Montag vorgestellten Studie der PHE lassen sich mit einer vollständigen Immunisierung schwere Krankheitsverläufe bei der Delta-Variante ebenso wirksam vermeiden wie bei der Alpha-Variante.

Zwei Dosen des Wirkstoffs von Pfizer/Biontech verhinderten demnach bei der Variante B.1.617.2 in 96 Prozent der Fälle eine stationäre Behandlung. Für das Vakzin von Astrazeneca lag die Quote bei 92 Prozent.

Eine Ende Mai von den britischen Gesundheitsbehörden veröffentlichte Studie kam auch für weniger schwere Formen der Krankheit zu ähnlichen Ergebnissen. Demnach ist der Impfstoff von Biontech zwei Wochen nach der zweiten Dosis zu 88 Prozent wirksam gegen eine durch die Delta-Variante ausgelöste symptomatische Covid-19-Erkrankung, bei der Alpha-Variante sind es 93 Prozent. Das Astrazeneca-Vakzin hat demnach eine 60-prozentige Wirksamkeit gegen die Delta-Variante und eine 66-prozentige gegen die Alpha-Variante.

Ausbreitung der Delta-Variante – RKI und Spahn besorgt

Laut Robert Koch-Institut (RKI) aus der vergangenen Woche macht die Delta-Variante B.1.617.2, die zuerst in Indien aufgetreten ist, in Deutschland aktuell rund sechs Prozent aller nachgewiesenen Infektionen aus. Auch wenn sich die Infektionen mit der Variante bisher auf einem niedrigen Niveau bewegen, warnt das RKI bereits eindringlich vor dem Verspielen von Erfolgen in der Pandemiebekämpfung

Durch die ansteckendere Delta-Variante könne sich das Virus wieder verbreiten, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Freitag in Berlin. Es sei nicht die Frage, ob Delta das Infektionsgeschehen in Deutschland dominiere, sondern wann, ergänzte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

„Die Delta-Variante wird überhand nehmen, weil sie einen höheren R-Wert hat“, erklärte Wieler weiter. Wann dies geschehe, hänge auch vom Verhalten der Menschen und dem Fortschritt beim Impfen ab – aber spätestens werde es im Herbst so weit sein.

(mit bml/raer/dpa/afp)

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