Mit dieser App überwachen Männer ihre Frauen und Töchter

Berlin  Mit Absher können saudi-arabische Männer ihre Frauen und Töchter besser kontrollieren. Apple und Google sollen die Anwendung entfernen.

Die Abwesenheit von Frauen wirft bisweilen Fragen auf. Saudische Männer können über die App Absher ihre weiblichen Familienmitglieder überwachen. Politiker und Menschenrechtler protestieren.

Die Abwesenheit von Frauen wirft bisweilen Fragen auf. Saudische Männer können über die App Absher ihre weiblichen Familienmitglieder überwachen. Politiker und Menschenrechtler protestieren.

Foto: Thomas Koehler / Photothek via Getty Images

Betritt die Frau den Flughafen, erhält der Ehemann eine SMS. Zeigt sie ihren Pass vor, alarmiert die App Absher ihn ebenfalls sofort. Absher ist eine saudi-arabische Verwaltungsapp, die viel mehr kann, als Bürgern den Kontakt zu Behörden zu erleichtern. Nämlich die eigene Frau zu kontrollieren und jeden Versuch, das Land zu verlassen, zu unterbinden.

In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht selbst einen Pass beantragen oder nach eigenem Willen heiraten, sie brauchen das Einverständnis eines Mannes der Familie. Und Absher erleichtert dem Familienoberhaupt in dem Königreich die absolute Kontrolle.

Die App hat Ende Februar 14 US-Kongressabgeordnete dazu veranlasst, einen offenen Brief an Apple-Chef Tim Cook und Google-Chef Sundar Pichai zu senden. Die Abgeordneten fordern beide darin auf, die mobile Anwendung aus ihren App Stores zu entfernen.

„Der Erfindergeist von amerikanischen Technologie-Konzernen darf nicht dafür benutzt werden, die Rechte von arabischen Frauen zu verletzen“, heißt es in dem Schreiben. Und: „Die Innovationen des 21. Jahrhunderts dürfen nicht die Tyrannei aus dem 16. Jahrhundert weiterführen.“ Wenn Google und Apple die App weiterhin anböten, würden sie sich zu Komplizen der Unterdrückung der saudi-arabischen Frau machen.

App sollte eigentlich Behördengänge erleichtern

Absher wurde 2015 von der saudischen Regierung entwickelt, um Bürgern Behördengänge zu ersparen. Damit ist es möglich, Fahrzeuge registrieren zu lassen, Visaanträge zu stellen, Termine zu vereinbaren oder Ausweise zu beantragen. Aktuellen Berichten zufolge, so schreiben die Verfasser des Briefes, wurde die App aber auch dazu genutzt, um misshandelte Frauen, die politisches Asyl im Ausland suchen, an der Flucht zu hindern.

Denn Männer können die Personendaten von Frauen, für die sie nach saudi-arabischem Gesetz „zuständig“ sind, wie Töchter und Ehefrauen, in die App eingeben. So soll die App anzeigen, wenn sich die Frau einem Flughafen nur nähert. Der Mann kann damit auch den Reisepass der Frau kontrollieren und ihn für ungültig erklären, wenn sie ohne seine Erlaubnis das Land verlassen will.

Nach dem Gesetz dürfen Frauen in Saudi-Arabien ohne männliche Zustimmung nicht reisen, weder im In- noch ins Ausland. Auch eine Scheidung ist ihnen nur gestattet, wenn ein männlicher Vormund es ihnen erlaubt, genauso ist es mit dem Heiraten. Ihre Berufswahl ist ebenfalls unfrei.

„Vision 2030“: Kronprinz will das Land in die Moderne führen

Doch langsam lässt der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman eine kontrollierte Lockerung der Regeln zu. So müssen Frauen seit 2018 in der Öffentlichkeit kein schwarzes Überkleid (Abaya) oder Schleier, sondern nur noch ein Kopftuch tragen. Auch dürfen sie neuerdings in Begleitung ihrer Familien Sportstadien, Konzerte oder Kinos besuchen.

Damit will der Monarch seiner „Vision 2030“, die das Königreich weniger abhängig vom Öl machen soll, auch gesellschaftlich einen Anstrich von Modernität verpassen. Zudem dürfen Frauen seit 2018 den Führerschein machen, ohne vorher einen männlichen Vormund zu fragen. Wer vor 2018 am Steuer erwischt wurde, wurde verhaftet.

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert Google und Apple: „Die App verstärkt ein System der Bevormundung und Diskriminierung von Frauen in Saudi-Arabien, das per Gesetz festgeschrieben ist. Deswegen haben wir Google und Apple auch aufgefordert, die App aus dem Programm zu nehmen“, sagt Wolfgang Büttner, Sprecher von Human Rights Watch in Deutschland, unserer Redaktion.

Zudem sollen die Konzerne transparent machen, nach welchen Kriterien sie Apps in ihr Programm aufnehmen. „Apps dürfen nicht nur darauf geprüft werden, ob sie technisch funktionieren. Sie müssen auch danach geprüft werden, ob sie Menschenrechte verletzen.“

Ehefrau flog mit geklautem Handy aus und beantragte Asyl

Apple teilt auf Nachfrage unserer Redaktion mit, dass „der Freigabe-Prozess einzelner Apps generell nicht kommentiert wird“. Der Konzern verweist auf seine Richtlinien für die Freigabe. Darin steht unter anderem, dass Apple solche Apps ablehne, deren Inhalte oder Verhalten eine Grenze überschreiten.

Auf die Frage, wo die Grenze liege, antwortet der Konzern: „Wie der Oberste US-Gerichtshof schon sagte, ‚Ich weiß es, wenn ich es sehe‘. Und wir denken, dass ihr es schon wisst, wenn ihr die Grenze überschreitet.“ Man unterstütze unterschiedliche Meinungen im App Store, solange die Apps respektvoll mit den Ansichten anderer Kunden umgehen.

Absher ist jedenfalls noch in den App Stores beider Konzerne zu finden. Doch was die saudischen Erfinder der App vielleicht nicht erwartet hätten: Es gibt Frauen, die mithilfe der App das Land verlassen konnten. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete vor Kurzem von einer jungen Frau, die das Handy ihres Vaters gestohlen hatte, sich mit dessen Daten bei Absher einloggte und sich dann selbst die Erlaubnis gab, Saudi-Arabien zu verlassen.

Unbemerkt reiste sie mit einem Hin- und Rückflug über Weißrussland nach Frankfurt aus. Der Rückflug war nur gebucht, um keinen Verdacht am Flughafen zu wecken. Die junge Frau sagte nach ihrer Ankunft in Deutschland zum Bundespolizisten nur ein Wort: „Asyl“. (Diana Zinkler und Michael Backfisch)

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