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Inflation auf Rekordhoch: Warum Lebensmittel teurer werden

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Habeck rechnet 2023 mit Inflation von sieben Prozent

Habeck rechnet 2023 mit Inflation von sieben Prozent

Die Bundesregierung rechnet auch im kommenden Jahr mit weiter stark steigenden Preisen. Wegen der erwartbar weiterhin hohen Energiepreise sei trotz Gaspreisbremse von einer Inflationsrate von acht Prozent in diesem und sieben Prozent im Jahr 2023 auszugehen, erklärte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in Berlin.

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Berlin.  Gas, Strom und Öl verteuern sich zwar etwas weniger, dennoch steigen die Preise weiter. Was Baumärkte, Gaststätten und Handel planen.

Jeder spürt es beim Einkaufen, Essen gehen oder beim Frisör. Die Preise steigen und steigen – ein Ende scheint nicht in Sicht. Im Oktober hat die Inflation einen neuen Rekordwert erzielt: Die Preise sind nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes im Vergleich zum Vorjahr um 10,4 Prozent gestiegen. Und damit so stark wie noch nie im wiedervereinten Deutschland.

Im September lag die Teuerungsrate bei zehn Prozent. Mit der Inflation verliert die Kaufkraft der Bürger an Wert. Sie können sich für ihr Geld immer weniger kaufen.

Hauptpreistreiber der Entwicklung ist die Energie. Sie verteuert nicht nur die Mobilität, das Heizen und den Stromverbrauch, sondern wirkt sich auf alle Produkte des täglichen Bedarfs aus. Die Kosten für Energie kletterten im Oktober im Jahresvergleich um 43 Prozent. Damit liegt der Preisanstieg immerhin um 0,9 Prozentpunkte niedriger als im September.

Preisdämpfend dafür dürfte sich hier die Senkung der Mehrwertsteuersätze für Erdgas und Fernwärme von 19 auf 7 Prozent ausgewirkt haben, erläutern die Statistiker. Die zuletzt gesunkenen Gaspreise im Großhandel werden laut Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) unterdessen erst mit einiger Verzögerung bei Verbrauchern und Unternehmen ankommen.

Inflation: Lebensmittel verteuern sich überdurchschnittlich

Dafür haben sich die Nahrungsmittel nochmal überdurchschnittlich verteuert: Für Lebensmittel müssen Verbraucher nun 20,3 Prozent mehr bezahlen als im Vorjahr und 1,6 Prozentpunkte mehr als noch im September.

Neben der Energie treiben auch unterbrochene Lieferketten infolge der Corona-Pandemie die Preise an. Auch Dienstleistungen haben sich um 4 Prozent verteuert. Das Beruhigende: Die Wohnungsmieten sind im Vergleich zum Vorjahresmonat nur um 1,8 Prozent gestiegen.

Und ein Ende des allgemeinen Preisanstiegs ist nicht in Sicht. Fast alle Einzelhändler (97 Prozent) planen kräftige Preiserhöhungen, ebenso 80 Prozent der Gastronomen. Aber auch in anderen Branchen will jedes zweite Unternehmen (51,5 Prozent) seine Preise anheben – im September waren es mit 53,8 Prozent noch etwas mehr. Dies hat eine Umfrage des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung ergeben.

"Die Inflationswelle ist noch nicht gebrochen“, meinte der Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Vor allem seien die hohen Energiekosten der Unternehmen noch nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben worden.

Inflation: Alle Branchen wollen Preise erhöhen

Keine Branche bleibt laut Ifo-Umfrage von Preisanpassungen verschont. Dazu gehören auch Verkäufer von Unterhaltungselektronik, Heimtextilien, Teppichen, Papier- und Schreibwaren. Knapp 86 Prozent der Bau- und Heimwerkermärkte planen Preiserhöhungen, 83,5 Prozent der Bekleidungshersteller.

Der Einzelhandel sieht sich gleich mehrfach unter Druck. Zum einen sehen sich Händler selbst mit explodierenden Energiekosten konfrontiert, sagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Deutschland (HDE), Stefan Genth, unserer Redaktion. Zum anderen ergeben sich durch die steigenden Energiekosten auch Verteuerungen entlang der Lieferkette und im Einkauf.

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"Diese Preissteigerungen einfach an die Kunden weiterzugeben, ist angesichts der Konsumstimmung und des dramatischen Kaufkraftverlustes der privaten Haushalte aber nicht oder nur teilweise möglich“, so der HDE-Chef. "Denn das würde die Kaufbereitschaft bei vielen Kundinnen und Kunden weiter senken sowie viele überfordern.“

Die deutsche Wirtschaft hält sich unterdessen dennoch recht wacker. Überraschend ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal trotz der hohen Energiepreise, Corona-Pandemie und Lieferengpässe sogar noch um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen – und lag mit 1,2 Prozent über dem Vorjahresquartal. Der Grund für die stabile Entwicklung der Wirtschaft sei vor allem dem privaten Konsum zu verdanken, berichtet das Statistische Bundesamt.

Viele Ökonomen hatten aufgrund des Ukraine-Kriegs bereits im dritten Quartal mit einem Rückgang des BIP gerechnet und dem langsamen Beginn einer Rezession. Doch dies verschiebt sich nun voraussichtlich in die nächsten Monate. Bei dem unerwartet guten Quartalsergebnis dürfte es sich nur "um die Ruhe vor dem Sturm handeln“, sagte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. Die hohe Inflation werde die Kaufkraft einbrechen lassen. "Alles spricht für das Schrumpfen der deutschen Wirtschaft im Winterhalbjahr.“

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Auch das arbeitnehmernahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) erwartet für den Winter eine Rezession in Deutschland. "Insgesamt ist es deshalb extrem wichtig, die Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten zu stabilisieren“, sagte der IMK-Konjunkturexperte Peter Hohlfeld. "Der gesunkene Gaspreis – sofern von Dauer – und die angekündigten Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung geben Grund zur Hoffnung, dass Dauer und Tiefe der Rezession begrenzt werden können.“

Hohe Inflation drückt auf die Konsumlaune

Insgesamt hat sich die Konsumlaune nach mehreren Abstürzen in den vergangenen Monaten im Oktober auf niedrigem Niveau beruhigt und ist nicht weiter abgesunken, berichtet die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Angesichts der Inflation und hohen Energiepreise bleibe die Konsumstimmung sehr angespannt, sagte der GfK-Konsumexperte Rolf Bürkl.

Die Haushalte müssten davon ausgehen, künftig wesentlich mehr finanzielle Mittel für das Heizen aufzuwenden, so Bürkl: "Dieses Geld fehlt damit für andere Anschaffungen und entsprechend wird die Konsumneigung auch in den kommenden Monaten niedrig bleiben.“ Das könnte Sie auch interessieren: Obi und Co.: Krise wird für Baumärkte zur Belastungsprobe

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de

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